Inhaltsangabe
Beim vorliegenden Roman handelt es sich um den inneren Monolog des deutschen Philosophen Max Stirner. Dieser wurde unter dem Namen Johann Caspar Schmidt 1806 in Bayreuth geboren und starb 1856 in Berlin. Sein radikal nihilistisches Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum erschien 1844, wurde zunächst verboten, geriet später in Vergessenheit und wurde dann wiederentdeckt.
Im Roman Egoist Magnum sind wir als Leser vom ersten Satz an direkt im Kopf von Max Stirner und folgen seinen Gedanken in einer für ihn aussichtslosen und scheinbar monotonen Situation: Durch einen Insektenstich stark infiziert ist er komatös und ans Bett gefesselt, und wird von Nonnen (Diakonissen) gepflegt. Doch so statisch die Anordnung auch zunächst wirken mag, die Gedanken des Philosophen sind äußerst rege. In einem Gedankenstrom lässt er seine Vergangenheit Revue passieren. Zudem wird er vom Geist seiner Ex-Frau heimgesucht, die nicht davor zurückschreckt, auch ihre Vorgängerin als Spuk mitzubringen, um das ohnehin geplagte Gewissen des bettlägrigen Patienten zusätzlich zu strapazieren. In der Ebene der Gegenwart ist es eine reale Frau, die den Wunsch des Max Stirner, endlich sterben zu dürfen, ins Wanken bringt – es ist die junge Diakonisse Béatrice, die dem Patienten ihre Sünden beichtet und ihm in jeder Hinsicht näherkommt.
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Kurzbiografie Autor
Denis Bašić stammt aus Bosnien und Herzegowina, lebt seit langem in den USA und arbeitet an der University of Washington in Seattle. Er ist Kulturwissenschaftler, schreibt neben Prosa auch Drehbücher, Kurzgeschichten und Gedichte.
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Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche
Der Roman Egoist Magnum war in der engeren Auswahl für den renommierten NIN-Preis im Jahr 2023. Der Hauptprotagonist und Ich-Erzähler ist Max Stirner, ein deutscher Philosoph, insofern ist es naheliegend, dass das Buch auf Deutsch erscheinen sollte. Max Stirner fungiert in anarchistischen Kreisen als ein „Geheimtipp“ und ist es auf jeden Fall wert, (wieder)entdeckt zu werden – als Philosoph, aber auch als Mensch, dessen Biographie auch ein Spiegel der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist. Der Roman Egoist Magnum ist nicht nur äußerst erhellend in philosophischer und historischer Hinsicht, sondern auch unterhaltsam und leichtfüßig erzählt.
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Deutschsprachige Rechte
Die Rechte sind frei und liegen beim Autor. Kontakt: denisb@uw.edu
Übersetzungsprobe aus dem Bosnischen von © Mascha Dabić
Denis Bašić: Egoist Magnum
Berlin, 16. Juni 1856.
Der Nihilist
Könnte ich doch bloß aufhören zu atmen. Ein für alle Mal. Dann käme alles zu einem Ende, nicht nur ich, denn alles ist ich. Alles, was ich jemals gesehen und gehört, berührt und gefühlt, erkannt und gelernt habe, alle meine Erinnerungen würden mit mir zusammen verschwinden. Mit den Erinnerungen an die Menschen, sie selbst würden auch verschwinden, denn die Menschen sind nichts anderes als meine bloß mentalen Bilder, die im Verblassen begriffen sind. In meinem Kopf sind mit jedem neuen Tag immer weniger Zäune und immer mehr endlose Lichtungen. Mit jedem ausradierten Umriss ist eine Erinnerung weniger in meinem Hirn. Diese verlorenen Erinnerungen sind mir die liebsten, denn bedingungslos lieben kann die nur das, was man nicht kennt. Irgendwann werden auch meine restlichen Erinnerungen im Nichts verschwinden, so wie auch mein Elend verschwinden wird, denn ich bin auch mein Elend, so wie ich auch die Kraft bin, die allem zum Trotz überlebt, sich selbst zum Trotz.
Die größte Erleichterung, die der Tod mir bringen würde, wäre, dass dieses eine Haar, das aus meiner Nase herausragt und mit jedem Atemzug flattert, endlich aufhören würde mich zu jucken und mich in den Wahnsinn zu treiben. Wenn ich doch bloß mit den Fingerkuppen dieses Haar greifen und herausreißen könnte, so wie ich es unzählige Male zuvor getan habe, würde sich ein derartiges Hochgefühl in meinem Körper breitmachen, dass kein Platz mehr wäre für ein anderes Gefühl, einen anderen Gedanken, einen anderen Wunsch. Es wäre buchstäblich mein letzter Wunsch. Der stechende Schmerz in der Wurzel des Nasenhaars wäre „mein Erlöser“, „meine himmlische Glückseligkeit“, „mein Paradies“. So habe ich früher diese meine masochistische Selbstbefriedigung bezeichnet. Wenn dann auch noch ein Tropfen Blut aus den Untiefen der Haarwurzel herausquellen würde, dann wäre dies der Höhepunkt meiner Existenz gewesen. Der metallische Blutgeruch würde mir noch einmal bestätigen, dass ich Herr über meinen Körper bin, Besitzer meiner Würde. Ich wäre wieder ein Mensch.
Meine Wünsche sind vergeblich. Ich bin ohnmächtig angesichts eines ganz gewöhnlichen Nasenhaars. Das Haar ist sich dessen bewusst, dass es mit mir machen kann, was es will. Es fürchtet sich nicht im Geringsten vor mir, im Bewusstsein, dass ich in dem elenden Zustand, in dem ich bin, Böses nicht mit Bösem vergelten kann. Eigentlich bin ich der beste Helfer des Nasenhaares und mein eigener schlimmster Feind in dieser Misere, denn je wütender ich werde, desto schneller geht meine Atmung, desto stärker zittert das Haar, und desto mehr treibt es mich in den Wahnsinn.
So egozentrisch und rücksichtslos ich zeit meines Lebens auch war, wie viele behaupten, so hätte ich dennoch, wenn ich einen komatösen Menschen gesehen hätte, sicherlich bemerkt, dass ein Nasenhaar aus seiner Nase herausragte, ich hätte gewusst, welche Verzweiflung dieser Mensch gerade durchmachte und hätte seine Leiden abgekürzt. Hätten die Frauen große und dicke Nasenhaare wie die Männer, würden sie das schlimme Los, welches uns aufgrund unseres männlichen Blutes zuteil wurde, besser verstehen. Dann würden auch die frommen Diakonissen, die sich um mich kümmern, angeblich die gnädigsten und fürsorglichsten unter allen Krankenschwestern, auf die Idee kommen, das Ungeheuer in der Nase abzuschneiden oder es auszureißen. Verspüren die Diakonissen jemals Juckreiz in ihrer Schambehaarung, oder sind sie tatsächlich so sehr entfremdet von ihren Körperteilen? Wenn sie mir doch bloß einen männlichen Berber schicken könnten, der mich rasieren würde. Als Mann würde er meine missliche Lage bestimmt sofort bemerken und daran denken, mir mit der Schere die Nasenhaare abzuschneiden. Oder vielleicht würde er sie sogar mit der Rasierklinge ganz entfernen, um mich für einen längeren Zeitraum vom Leiden zu erlösen. Oh, wie sehr würde ich mich daran ergötzen zu hören, wie der Meister seine Klinge am Streichriemen schärft, um anschließend damit das Innere meiner Nasenlöcher abzuschaben. Seine geschickte Hand würde alle Haare bis zur Wurzel abrasieren, ohne mich zu schneiden, und ich wäre gerettet. Aber niemand wird zu dieser späten Stunde kommen, um mich vom Juckreiz zu erlösen, sei es mit der Rasierklinge, sei es mit dem Wort.
Also muss ich mich selbst retten, so wie ich es gestern Abend und in einigen der letzten Nächte getan habe. Wie viele Nächte es genau waren, weiß ich nicht. Im Fieber verliere ich das Zeitgefühl und vergesse ständig etwas. Also sollte ich mich beeilen, bevor ich vergesse, wie ich dieses Jucken in meiner Nase loswerden kann. Eigentlich geht das gar nicht, aber ich kann meine Aufmerksamkeit davon abwenden und mich zwingen, an etwas anderes zu denken, indem ich Selbstgespräche führe und in den Erinnerungen herumwühle, die das Fieber noch nicht verschluckt hat.
Steckt denn nicht eine gewisse Ironie darin, dass ich die verlorenen Erinnerungen liebe, während es gerade die verbliebenen Erinnerungen sind, die mich vor dieser Plage zu beschützen vermögen? In meiner Verzweiflung greife ich nach ihnen. Ich kann nur hoffen, dass der Juckreiz verschwindet, bevor das Fieber alle meine Erinnerungen gestohlen haben wird. Was, wenn der Mensch Juckreiz und Schmerz empfindet, sogar nachdem er seinen Verstand verloren hat? Man denke an den Wurm. Dieser hat keinen Verstand. Er hat keine Erinnerungen, und dennoch krümmt er sich, wenn man ihn berührt, oder windet sich, wenn man mit einer Nadel in seinen Körper sticht. Er fühlt, hat aber keinen Verstand. Vielleicht habe ich Glück und sterbe, bevor ich mich in einen Wurm verwandle. Aber solange ich noch immer ein Halbmensch bin, kann ich meine Nase mit Erinnerungen vollstopfen, nur um meinen Verstand zu retten. Ja, mach es so. Und atme anschließend deine Memoiren in die Ohren der Wände. Sieh mal, die Wände haben Ohren bekommen. Jetzt können sie dich hören. Oder ist da jemand, der dich aus der Dunkelheit heraus belauscht? Unwichtig. Atme bloß weiter. Rede weiter. Zu ihnen oder zu dir selbst. Was auch immer dir zuerst in den Sinn kommt.
Also, ich sehe im Spiegel Max Stirner. Alle nennen mich Max Stirner, aber das ist nicht mein echter Name. Vor fast drei Jahrzehnten gaben mir die Kommilitonen an der Friedrich Wilhelm Universität in Berlin den Spitznamen Stirner, wegen meiner ausgesprochen hohen Stirn. Später im Leben verwendete ich den Spitznamen Stirner als Nachnamen, fügte noch den Namen Max hinzu und schuf ein Pseudonym, hinter dem ich mich versteckte, während ich spöttische Artikel über Kirche und Staat schrieb. So erhielt ich zwar den Namen Max Stirner, aber ich wurde deshalb nicht zu Max Stirner. Es war der Ausgang eines unvermeidlichen Wegs. Zumindest erscheint es mir jetzt so.
Ebensowenig wie Max hatte auch ich nicht darum gebeten, geboren zu werden, noch weniger getauft zu werden, dennoch brachte mich meine Mutter in diese Welt am Samstag den 25. Oktober 1806 um etwa sechs Uhr morgens in Bayreuth, in der damals noch immer preußischen Stadt. Da ich zur Geburt gezwungen wurde, begann mein erster Tag mit viel Missmut und Tränen, ein Hinweis auf den düsteren Anfang, die stürmische Mitte und das unerwartete Ende meines Lebens. Bald nach meiner Geburt entriss Napoleon Bayreuth der preußischen Krone, und vier Jahre später verkaufte er es an König Maximilian I Joseph von Bayern um 15 Millionen Franken. Mit ein wenig Hilfe Napoleons begriff ich sehr früh im Leben, dass alles dem größten Egoisten gehört und nicht etwa den gewöhnlichen Leuten, wie es meine Eltern waren, die aus reiner Trägheit, so wie es die Tiere tun, ihre Nachkommen hervorbrachten, so wie ich einer war. In meinen Augen war Napoleon ein Schöpfer menschlicher Schicksale, ein Gott, den die Menschen zwar vom Thron gestürzt hatten, aber das hatten sie ja schon mit Jesus getan, und das machte ihn nicht weniger zu einer Gottheit oder einem Liebhaber des Ruhms.
(S. 7 ff.)
Übersetzer·innenverzeichnis: Mascha Dabić
