Doktor Seraphicus

Auf Ukrainisch erschienen bei В-Во «Українська трибуна» / „Ukrajinska trybuna“, 156 Seiten
Deutschsprachige Rechte s. Exposé

 

Autor·in: W. Domontowytsch
Genre: Roman
Vorgestellt von: Maria Weissenböck

Inhalt

Der Roman dreht sich um die ungewöhnlichen Beziehungen eines unbeholfenen, zurückgezogen lebenden Intellektuellen zu den wenigen Menschen, die sein nächstes – und im Grunde einziges – Umfeld bilden: zu dem fünfjährigen Mädchen Irka, zu seinem alten Freund, dem Maler Wolodymyr Korwyn, und zur Schauspielerin Wer Elsner.

Der Protagonist Wassyl Chrysanfowytsch Komacha (in der deutschen Übersetzung „Ameis“), auch Dr. Seraphicus genannt, befindet sich in einer Lebensphase, in der ein kleines Mädchen die einzige Person ist, mit der er den ganzen Tag über spricht. Auf dem Heimweg aus der Bibliothek, wo er täglich stundenlang über Büchern brütetet, macht er stets in einem Park Pause. Dort schließt er eine für sich und auch für sein Gegenüber außergewöhnliche Freundschaft, und zwar mit der fünfjährigen Irka.

In dieser Zeit stellt ihm sein Freund Wolodymyr Korwyn die wunderschöne, exzentrische Schauspielerin Wer Elsner vor. Sie fühlt sich von Komachas unkonventioneller Persönlichkeit angezogen, doch gelingt es ihr nicht sofort, das Herz des Professors, der seltsame Theorien über Frauen hat, zu erobern. Erst nach einiger Zeit beginnt Komacha, für Wer etwas wie Liebe zu empfinden – soweit es seine Persönlichkeit zulässt. Doch die Beziehung ist nicht von Dauer.

Abgesehen von der Haupthandlung enthält der Roman Rückblicke, die dabei helfen, die einzelnen Charaktere und deren Handlungen besser zu verstehen.

Domontowytsch lässt seine Leserschaft in die Themen Einsamkeit und Isolation eintauchen, die untrennbar mit dem Protagonisten verbunden sind. Dieser befindet sich in einem inneren Konflikt zwischen rationalem Denken und dem Zulassen von Gefühlen; gefangen zwischen der komplizierten Beziehung zu Wer und gesellschaftlichen Erwartungen versucht er sein eigenes Ich zu finden.

Der Roman ist so vielschichtig wie seine Protagonist:innen. Er kann als „einfacher“ Liebesroman gelesen werden, aber auch als tiefgründiger philosophischer Text. Außerdem vermittelt er uns ein Bild vom Leben und der Gesellschaft der 1920er in einer ukrainisch sowjetischen Stadt.

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Autor

W. Domontowytsch – Pseudonym des ukrainischen Schriftstellers, Philosophen, Literaturwissenschaftlers, Historikers und Archäologen Wiktor Platonowytsch Petrow (1894-1969). Petrow gilt als Mitbegründer des ukrainischen intellektuellen Romans und gehörte in den 1920ern zur Gruppe der Neoklassiker. Weitere Romane von Petrow sind „Das Mädchen mit dem Bären“ (übersetzt von Ganna Gnedkova & Peter Marius Huemer, erschienen 2022 im Septime Verlag) und „Bes gruntu“ (1948, Regensburg, dt. „Ohne Boden“).

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Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche

Die Übersetzung von „Doktor Seraphicus“ würde den Kanon der ukrainischen Literatur im deutschsprachigen Raum um ein wichtiges Werk erweitern. Der Autor W. Domontowytsch war eine schillernde Persönlichkeit, die nach wie vor viele Fragen aufwirft. Als einer der wenigen aus seiner Generation an Künstlern fiel er nicht dem Stalinistischen „Großen Terror“ der 1930er Jahre zum Opfer. Dies gelang ihm vermutlich, weil er sich allem Anschein nach als sowjetischer Spion hatte anheuern ließ und über eine ungeheure Gabe der Anpassung und Verstellung verfügte. Nach dem 2. Weltkrieg emigrierte er nach Deutschland, wo er als Professor an der Ukrainischen Freien Universität in München unterrichtete, bis er unter unbekannten Umständen aus Deutschland verschwand. Später stellte sich heraus, dass er in die Sowjetunion zurückgekehrt war.

In der Ukraine besteht seit wenigen Jahren ein regelrechter Hype um die Autoren der 1920er und 1930er Jahre (bekannt als Neoklassiker oder „Erschossenen Wiedergeburt“), so auch um W. Domontowytsch. Die Werke werden neu aufgelegt und aktiv gelesen. Man entdeckt die eigene (literarische) Vergangenheit wieder und beschäftigt sich mit den Wurzeln der ukrainischen Literatur und Kultur. W. Domontowytsch erweckt v.a. aufgrund seiner teils noch immer ungeklärten Biographie Neugier und Interesse.

Im Licht des immer noch andauernden Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und um mehr Aufmerksamkeit auf das Land und dessen Kultur zu lenken, ist ein tieferer Blick in die ukrainische Literaturgeschichte meines Erachtens sehr wichtig. W. Domontowytsch darf dabei nicht fehlen.

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Rechte

Die Werke von W. Domontowytsch sind noch nicht gemeinfrei, jedoch hat der Autor keine Nachkommen. In der Ukraine werden seine Werke trotzdem herausgegeben, so erschien „Doktor Seraphicus“ etwa 2024 im Verlag „Vivat“ (ISBN 9786171704886).

Bei einer Übersetzung ins Deutsche könnte der betreffende Verlag vorgehen, wie der Septime Verlag bei „Das Mädchen mit dem Bären“, wo im Buch sinngemäß vermerkt wurde, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Rechteinhaber oder Nachkommen bekannt waren und sich diese – sollten sie sich finden – beim Verlag melden können. (In Harvard ist man angeblich genauso mit dem Thema umgegangen.)

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Übersetzungsprobe aus dem Ukrainischen von © Maria Weissenböck

W. Domontowytsch: Doktor Seraphicus 

1.Kapitel 

Auf die einfache Frage „Wie heißt du?“, mit der man gewöhnlich ein kleines Kind anspricht, antwortete sie nicht. Sie schwieg aber auch nicht schüchtern zur Seite blickend und an ihrem Schürzenzipfel herumnestelnd, sondern stellte die Gegenfrage:

Und du?“

Und weil der fremde Onkel vielleicht nicht verstand, was er gefragt wurde, wiederholte sie die Frage:
Wie heißt du?“

Er antwortete:

Ameis!“

Sie stand auf, machte einen Schritt zur Seite, verschränkte ihre schmutzigen Ärmchen hinter dem Rücken, streckte ihren runden Bauch heraus und fragte:

Wirklich?“

„Wirklich.“

Das Mädchen versank in Gedanken. Sie wandte sich Ameis ganz zu und betrachtete ihn lange, das Gesicht, die Kleidung, die Arme, die langen Beine und die großen Schuhe. Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. Dann hob sie die Augen – so klar und durchsichtig –, dachte noch einmal kurz nach und verkündete ihren logischen Schluss:

Aber warum bist du so riesengroß, wenn du ein Ameis bist? Ameisen sind doch normalerweise klein.“

Sie blickte ihn noch einmal an, diesen großen, merkwürdigen Mann mit der lauten Stimme. Viel zu merkwürdig für einen Menschen und viel zu groß für eine Ameise. Sie versuchte die Widersprüche in Einklang zu bringen, suchte nach einer Logik in den einander ausschließenden Erscheinungen.

Wenn dieser Ameis ein Mensch war, dann musste er anders sein als die anderen. Trotz seiner schweren, behäbigen Fülle schien er eine Abstraktion und eine Fiktion zu sein. Er war tatsächlich weniger ein Mensch als vielmehr ein finsterer Gnom, der in geheimen Löchern, dunklen, verschachtelten Gängen unter der Erde oder in abgeschiedenen, einsamen Höhlen lebt, nicht gewohnt, unter Menschen zu sein und sich über den Anblick der Sonne zu freuen. Er hatte etwas von einem Homunkulus, weckte Gedanken an Glaskolben und ein Laboratorium, an die Legende von Faust, die Planckschen Theorien, an Hirngespinste, Illusionen, Schemata und Formeln. Weder sein riesiger Körper noch sein rotes, rasiertes Gesicht, das an ein frisches Stück Fleisch erinnerte, konnten von der tatsächlichen Glaubhaftigkeit seiner Existenz überzeugen.

Ameis hatte einen unverhältnismäßig großen Kopf mit Ausbuchtungen auf der Stirn, und auf seiner fleischigen, breiten Nase trug er – stark kurzsichtig – anstatt einer Brille faltbare Augengläser, die das Licht zu einem geometrischen Funkeln brachen, zu Dreiecken, Würfeln, Quadraten, als verwandele sich das geometrisierte Licht in ein mathematisches Modell. Man konnte meinen, er trage die dicken Augengläser nicht, um die Welt und die Menschen zu sehen, sondern aus dem erklärten Bestreben heraus, mit dem Licht zu experimentieren.

Irka beobachtete, wog ab, überlegte, wertete und formulierte – nach einer Pause – eine hypothetische Annahme:

Vielleicht bist du keine einfache Ameise, sondern eine große Papa-Ameise?“

Und erst dann beantwortete sie die ursprüngliche Frage des Mannes:

Ich heiße Irka!“

Kurz darauf aber korrigierte sie sich:

Irusenka!“

So erschien es ihr überzeugender und glaubhafter, irgendwie zärtlicher und intimer. Offensichtlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass der Onkel, der sie angesprochen hatte, Vertrauen und Respekt verdiene. Vielleicht wollte sie sich einschmeicheln oder in einem besseren Licht zeigen. („Irusenka, du hübsches Mädchen“, und nicht: „Irka, komm her!“)

Ich wohne dort!“, sagte sie und zeigte auf ein Haus auf der anderen Straßenseite, hinter dem kleinen Park.

Und wo wohnst du?“

Ich wohne dort.“

Er machte eine Handbewegung in die Richtung des Hauses, in dem er wohnte.

Ist es weit?“

Nicht sehr.“

Am nächsten Tag ging Irka sofort zu Ameis, blieb ein paar Schritte vor ihm stehen, verschränkte die Arme hinter dem Rücken, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn eine Weile. Nachdem sie ihn eingehend gemustert hatte, machte sie Ameis einen Vorschlag:
Wenn du der Ameisen-Papa bist, will ich die Ameisen-Mama sein! Einverstanden?“

Als Ameis zustimmte, lief Irka sofort los, um ihren Freundinnen von der Sensation zu berichten.

Sie prahlte vor den anderen Mädchen, die in dem kleinen Park spielten, mit der Außergewöhnlichkeit ihrer neuen Bekanntschaft. Der Geltungsdrang der Kleinen war voll und ganz befriedigt. Was für eine extravagante Eheabmachung!

Ameis konnte sehen, dass Irkas Freundinnen scheu aber neugierig hinter den Bäumen hervorlugten und ihn mit Schrecken in den Augen betrachteten, während Irka ihnen erklärte:
Das ist der Ameisen-Papa! Er hat Ameisen-Beine, aber er versteckt sie, und die Ameisen-Fühler rasiert er sich ab. Ich weiß alles, weil ich die Ameisen-Mama bin. Er hat mich selbst gebeten, dass ich seine Ameisen-Mama werde.“

Die letzte Feststellung entsprach nicht ganz der Realität, aber Irkas Herz war so voll heller Begeisterung, dass kleine Ungenauigkeiten keine Rolle spielten. Die Wahrheit in den Details musste mit der Wahrheit des Ganzen harmonieren.

An jenem Tag lächelte Irka Ameis listig und dreist an.

Ich weiß was!“

„Was weißt du denn, Irka?“

Ich weiß was.“

Sag, was du weißt.“

Ich sag’s nicht.“

Und warum sagst du es nicht?“

So halt!“

Dann sag es eben nicht. Auch gut.“

Auch gut! – so machte es keinen Spaß. Das Mädchen musste ihr Geheimnis mit jemandem teilen, deshalb begann sie wieder:

Ich weiß aber was!“

Sie tanzte und sang dazu:

Ich weiß was! Ich weiß was! Ich weiß was!“

„Nun sag schon!“

Und dann sagte sie – mit geröteten Wangen – strahlend und feierlich:

Ich weiß etwas. Wo wohnst du?“

Wo ich wohne?! Dort, hinter dem Park. In dem Haus an der Ecke!!“

Stimmt nicht! Du wohnst woanders!“

Sie senkte die Stimme, tippte mit dem Finger auf den Boden und sagte leise:

Du wohnst hier! Ich hab‘s gesehen!“

Was hast du gesehen?“

Ich hab gesehen, wie Ameisen durch Löcher in die Erde kriechen. Viele Ameisen. Ich hab es selbst gesehen.“
Sie war ziemlich sicher, dass sie das so gesehen hatte. Aber Herr Ameis widersprach ihr weiterhin.

Das ist unmöglich, liebe Irka. Ich bin so groß und die Löcher, durch die Ameisen in die Erde kriechen, sind ganz klein. Du verstehst doch, dass das absolut unmöglich ist!“

Irka verstand. Ihr standen die Tränen in den Augen. Sie fühlte sich verletzt und machte einen Schmollmund. Sie drehte sich weg und lehnte sogar das Bonbon ab, das Ameis ihr anbot. Lohnte es sich überhaupt, auf dieser Welt zu leben, Bonbons zu essen, zu schlafen, hübsch und artig zu sein, wenn deine Gedanken falsch waren, wenn deine Annahmen nicht mit der Wirklichkeit zusammenpassten? Traurig und beleidigt ging sie davon.

Am nächsten Tag strahlte das Mädchen förmlich:

Ich weiß, wie du das machst“, sagte Irka. „Jetzt weiß ich es: Du gehst ganz weit weg, ganz ganz weit. Dann wirst du klein, immer kleiner, bis du auch durch so ein Loch passt!“

Die logische Struktur der Idee war perfekt. Alles Überflüssige war entfernt worden, geblieben war nur ein Gedankenkonstrukt, in dem es nichts Unnützes oder von außen Hinzugefügtes gab.

In Irkas Leben begann die Ameisen-Phase. Sie konnte stundenlang neben einem Ameisenloch sitzen und die Ameisen bei ihrem emsigen, häuslichen Treiben beobachten. Mit mütterlicher Fürsorge kümmerte sie sich um die Ameisen.

Wenn eine Ameise über den Weg krabbelte, nahm sie sie und setzte sie ins Gras.

Du Dummerchen!“

Sie brachte Bonbons und zerbrach sie in kleine Stückchen.

Das ist für euch. Esst!“

Ihr Herz war voller Aufopferung.

Vorwurfsvoll sagte sie zu Ameis:

Wieso gibst du den Ameisen nie was zu essen?“

Und auf der Suche nach einer Entschuldigung für ihn überlegte sie laut:

Du bringst ihnen sicher was in der Nacht, damit niemand es sieht, richtig? Was essen sie eigentlich?“

Um Irkas Frage zu beantworten, musste er bei Fabre nachlesen.

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(Original S. 12-16)

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Übersetzer·innenverzeichnis: Maria Weissenböck

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