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Inhaltsangabe
Camuflajes (Tarnungen) ist eine Sammlung von Gedichten, die in einer mehrjährigen Zusammenarbeit zwischen dem mexikanischen Autor Pedro Serrano und dem österreichischen Künstler Johanes Zechner entstanden sind. Mit jedem Gedicht korrespondiert dabei ein Bild, das sich durch die Kombination unterschiedlicher Techniken fragend einer Welt zuwendet, in der die schrecklichen Realitäten von Krieg und Gewalt zum tragischen Alltag vieler Menschen gehören. Ungeschönt und poetisch greift Pedro Serrano diese Thematik literarisch auf und lässt dabei Aspekte des Krieges sowie die Erfahrung mit Gewalt im eigenen Land ebenso einfließen wie die Reaktion auf Zechners Visualität. Die Tarnungen – sowohl als Überlebensstrategie als auch in ihrer Funktion als militärische Praktik – legen sich dabei als verbindendes Motiv über die Texte und vereinen sie so zu einem runden und zusammenhängenden Ganzen.
Zurzeit befindet sich das Projekt der Camuflajes in der Endphase seiner Entstehung. Vorerst werden die Gedichte sowie die dazugehörenden Kunstwerke in ausgewählter Form in einem Katalog veröffentlicht, der im Rahmen der Ausstellung in der Neuen Galerie Graz erhältlich sein wird. Die Eröffnung der Ausstellung wird am 06.11.2025 stattfinden. Der gesamte Lyrikband von Pedro Serrano umfasst 50 Gedichte und wird voraussichtlich nächstes Jahr in Mexiko veröffentlicht.
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Kurzbiografie des Autors
Pedro Serrano (geboren 1957) schreibt und lebt in Mexiko-Stadt. Er studierte Philosophie an der University of London und Literaturwissenschaften an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), wo er auch promovierte und aktuell als Professor und Koordinator des Postgraduiertenstudiengans für Literatur tätig ist. Pedro Serrano war Stipendiat der Guggenheim-Stiftung, ist Mitglied des Sistema Nacional de Creadores de Arte und zwischen 2007 und 2018 war er Herausgeber der Literaturzeitschrift Periódico de Poesía der UNAM. Sein Werk umfasst zahlreiche Lyrikbände wie Nueces (2009) oder Lo que falta (2019) sowie Essays wie beispielsweise La construcción del poeta moderno. T.S. Eliot y Octavio Paz (2021). Außerdem wirkt Pedro Serrano als Übersetzer vom Englischen ins Spanische.
Homepage des Autors
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Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche
Blickt man auf die aktuelle Weltlage, ist das Thema Krieg und Gewalt leider fortdauernd präsent. Camuflajes leistet dabei einen wichtigen Beitrag sich mit der Thematik auseinanderzusetzten und nicht wegzusehen. Die Dichtung allein mag wohl nicht die Welt verändern, sie verlangt aber doch ihren Leser*innen eine Haltung ab, durch die sie „fühlende Wertigkeiten von allgemeiner Relevanz erahnen und damit die Voraussetzung für eine kreative Neuorientierung schaffen“ (Pedro Serrano).
Da die Camuflajes in einer Zusammenarbeit mit einem österreichischen Kunstschaffenden entstanden sind und auch im Rahmen einer Ausstellung präsentiert werden, liegt die Übersetzung ins Deutsche nahe, denn bei der Ausstellungseröffnung soll auch eine Auswahl der deutschen Übersetzungen begleitend vorgetragen werden. Eine Publikation des gesamten Lyrikbandes ist jedoch noch ausständig.
Auch die Tatsache, dass es sich um Lyrik handelt, spricht für eine Übersetzung des Projekts. Die große Stärke von Gedichten ist es, dass sie nicht einfach einen Sachverhalt, sondern im Sprachspiel etwas tiefgründig Menschliches darstellen. Diese lyrische Erfahrung kann den Leser*innen sowohl im Original als auch in der Übersetzung nähergebracht werden.
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Deutschsprachige Rechte
Die Rechte sind frei und liegen beim Autor (pedrosco@gmail.com).
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Übersetzungsprobe aus dem Spanischen von © Judith Wimmer
Pedro Serrano: Camuflajes – Tarnungen
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TARNUNG 1
Es fallen Stücke, Strafzettel, Schrauben,
in Kästen gesteckte stumme Meteoriten
durch Kristallkammern, Quarzquellen,
reihum sich entzahnend, zersplittert,
sich dem Licht nach aufreihend,
keuchend.
Restlos fließen sie ins Ganze, immerhin
die Ecken Angeln Laden Gänge bewohnend,
fließen in stumme gestürzte Stätten,
in kalt umliegende Läden, neutrale Gefilde,
Klammen entgegen,
in winzig verflüssigte Eigenschaften,
in ruhende Körper, ins Warten.
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TARNUNG 4
Den Kern in die Höhe drückend,
binden wir uns in fester Beständigkeit an die Schläge
gegen Brust und Seele und Masse, in die wir uns entleeren.
Leise, äußerst leise, umarmen wir Hab und Gut
und brechen langsam auf, eine nach dem anderen.
Ein Schrei entwischt uns im Eifer des Fortgangs,
wir fragen uns, wohin ohne Hilfe,
durchbohrt, mit wachen Sinnen Richtung Zukunft
ohne zu schreien, denn der Klang wohnt hier nicht,
und im Geiste der Nacht tasten wir uns vorwärts,
Luft in den Satteltaschen, entschlossen,
ruhen wir zuletzt im Verborgenen.
Schier trägt uns der Schlaf in sein Reich, Schattenmale,
sich von sich scheidende Lichtgeister
durchstreifen entlegene Wasser.
Die Atmung in den Traum gießend,
nehmen wir nachtdunklen Abschied, uns allem entsagend.
Stille Wasser, der Bewegung verschlossen,
nicht ein atmender Wirbel, nicht ein Knistern
tritt zu Gehör.
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TARNUNG 7
Es könnten Kinder sein dort drinnen
halb versteckt vor der Zwietracht
aufs Kleinflugzeug geklettert, zusammengerollt,
aufgesaugt von Mutters Hand,
trümmerhaft, in der Absicht auszubrechen.
Unterm Himmel sehen sie die Felsen
ohne zu wissen, ob sie auf- oder absteigen,
kommen oder gehen in Richtung Nirgendwo.
Willkürlich greifen sie nach den Dingen,
dem Möglichen im Jetzt,
kauernd, die Feuchtigkeit
erkundend, Felsen zerkratzend,
kleine Gaukler.
Sie beobachten die Falte,
einfach so, ohne die Anzeichen
der Trümmer
zu erkennen, das tiefe Loch.
Es bleiben
wenige Greifbarkeiten,
alles erliegt der Not,
solange sie können,
halten sie stand,
nur für den Fall.
Verwundert betrachten sie ihre Füße, die hier
zum Vorschein treten, trotz allem.
Sie werden sie tragen, solange sie ihnen gehören, über Pfade,
werden sie befreien aus dem Wald, retten vor dem Ungeziefer.
Wir müssen schneller gehen, um nicht nirgendwo zu landen.
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TARNUNG 9
Ohne einen Flügelschlag schwärmen schwarze
Nachtfalter, Falten
im stumm skandalösen Kreistreiben,
blind und nur durch Gehör bezeugt,
Form annehmend und einzeln hervorgebracht.
Damit billigen sie restlose Zerstückelung
fallen zu Boden wie Sandteufel,
das Gras streifend,
das Feld mit Prophezeiungen verminend,
Gebete ins Nirgendwo schickend.
Mit Schaum bedeckt hinterlassen
sie einen kampferartigen Beigeschmack,
eine beschreitend löchrige Kadenz,
frei von Rein- und Klarheit,
ohne Venen, Herzstück, Augen.
In Karton gekleidet sehen sie die vom Sehen Verhinderten
und saugen nach Möglichkeit an ihrem Blick, geruhsam.
Rege, ja das sind sie, fadenförmig.
In Ecken finden sie ihre Verstecke,
suchen den Kälteschatten,
lassen sich nieder, von der Gewalt erlöst.
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TARNUNG 14
Der unfruchtbare Strand legt sich über sich selbst
nach seinem Gefallen wie abgeworfene Türen
am Ufer, Entladungen, Müllberge.
Was beunruhigt so ausgestellt wie offenes Gewebe,
bereit, das Kommende zu empfangen,
den schwarzen Zahn und die in Glut gelegte Papille,
ja was, oh büßende Magdalena?
Die Einfachheit des sich anbietenden Daseins,
auf Gedeih und Verderb,
der wenigen Dinge, die du magst nimmst verwindest.
Die Meeresfront, ein paar Stühle,
einfach so zurückgelassen,
ein Sonnenschirm im Wind,
und das Töten im Geräusch da oben.
Das, was man sieht ist kein Bildwerk, sondern gegenwärtiger Zustand,
das Universum in der Hand und zwei oder drei Dinge, die sich selbst begründen,
Farben und grüner Filz auf einem Billardtisch,
Wellenbrecher und Steilküsten, Erinnyen.
Still, die Knechtschaft der Materie,
still, der in ihr ruhende Blick,
still, das was ohne Zeugenschaft passiert.
Diese beiwohnende Atmung.
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TARNUNG 21
Vom Denken losgesprochen
klettern sie
zu Unzeiten in den Schacht
zum Wassersammeln für die Hände.
Gedankenverloren zielen sie auf alles Bewegliche.
Ein fein brennendes Licht,
uneingeschränkt, erloschen das einsame Haus.
Allein eine Sache lässt sie heraustreten.
Und was dann, sie hetzen, schniegeln sich,
erweitern den Körper durch Samen.
Durch die Ziegel schießt ein Strahl,
sanft, im Inneren nach oben gleitend.
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Judith Wimmer wurde 1995 in Oberndorf bei Salzburg geboren. Nach ihrem Bachelorstudium der Romanistik an der Universität Salzburg und in Mexiko zog sie für ihren Master vor ein paar Jahren nach Wien, wo sie nach wie vor lebt und arbeitet. Aktuell forscht sie im Rahmen ihres Dissertationsprojekts zu lateinamerikanischer Lyrik und mehrsprachigem Schreiben am Institut für Romanistik an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Neben ihrer universitären Tätigkeit übersetzt sie mit großer Leidenschaft Lyrik aus dem Spanischen. Im Frühjahr 2023 besuchte sie erfolgreich den Kurs Poéticas de la Traducción zu lyrischem Übersetzen an der Universidad Nacional Autónoma de México in Mexiko-Stadt und konnte dadurch erste Projekte in Angriff nehmen. Neben Camuflajes arbeitet sie derzeit noch an einem weiteren Übersetzungsprojekt mit einer mexikanischen Autorin.
Kontakt: wimmer.judith@yahoo.com
