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Zum Inhalt
In Dix versions de Kafka (dt. Zehn Versionen von Kafka) begibt sich die Autorin auf die Spuren der Menschen, die Kafka als erste in andere Sprachen übertragen haben: Milena Jesenská, Alexandre Vialatte, Paul Celan, Bruno Schulz, Primo Levi, Jorge Luis Borges, Eugene Jolas, Melech Ravitch, Yitzhak Schenhar und Kafkas erste russischen Übersetzer, die in der damaligen Sowjetunion anonym bleiben mussten. Alle zehn erlebten den Krieg, sieben von ihnen waren Opfer der Shoa. Wie kamen sie zu Kafka, was bewegte sie dazu, ihn zu übersetzen? Diese Frage steht im Mittelpunkt des literarischen Essays, in dem die Autorin vielschichtige Porträts von zehn sehr unterschiedlichen Übersetzern entwirft. Dabei geht es ihr nicht darum, eine Analyse der Übersetzungen selbst, geschweige denn einen Vergleich vorzunehmen – sondern der Einzigartigkeit von jeder dieser Begegnungen nachzugehen. Sie alle übersetzten Kafka ohne die Distanz und das Wissen, über die ihre Nachfolger verfügten; Biografien, kommentierte Ausgaben, all das existierte noch nicht. Ihre Begegnung mit Kafka war damit ungleich unmittelbarer: Sie fanden in Kafkas Texten etwas von sich selbst, ihren individuellen pokoï, der sich als slawische Variante von Virginia Woolfs Zimmer für sich allein leitmotivisch durch das Buch zieht: einen inneren Rückzugsort, in dem ihre Erlebnisse, ihre Sprache(n) und auch die politischen Ereignisse ihrer Zeit widerhallten.
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Zur Autorin
Maïa Hruska, 1991 geboren, wuchs in einer französisch-tschechischen Familie in München und Düsseldorf auf. Heute lebt sie in London und arbeitet als Juristin im Verlagswesen. Ihr essayistisches Debüt Dix versions de Kafka stand 2024 sowohl auf der Shortlist des „Prix Médicis” als auch des „Prix Renaudot” und wurde mit dem „Prix André Malraux” du livre d’art und dem „Prix Transfuge du meilleur essai” ausgezeichnet.
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Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche
Dass Kafkas Werke erst posthum veröffentlicht und zu ihrer heutigen Anerkennung gelangten, ist allgemein bekannt. Dass sie nach seinem Tod zunächst in den Übertragungen und Sprachen Anderer gelesen wurden, ist es weniger – nachdem Kafka auf Deutsch schrieb, findet die Übersetzungsgeschichte seiner Werke nur wenig Beachtung im deutschsprachigen Raum. Ein Jahr nach dem großen Kafka-Jubiläum 2024, in dem man sich vor Veranstaltungen, Filmen, Serien und Veröffentlichungen kaum retten konnte, ist es zugegeben nicht einfach einen solchen Text unterzubringen – dabei handelt es sich um einen ganz außergewöhnlichen Einblick und Beitrag, den die Autorin, die sich als einfühlsame und zugleich unterhaltsam-pointierte Erzählerin erweist, darin liefert: Kafka im Schein seiner Übersetzer zu ergründen – und vice versa. Die Protagonisten dieses Buches haben die heutige Kafka-Rezeption maßgeblich beeinflusst und gewissermaßen ihr Fundament geschaffen; zu einer von Krieg, Vertreibung und Flucht geprägten Zeit. Die Reflexionen über Sprache und Entwurzelung, die sich hieraus ergeben, sollten ganz sicher nicht nur einen kleinen Kreis von Kafka-Experten ansprechen. Dass Tschechien 2026 Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, könnte zudem einen hilfreichen Rahmen bieten, um das Buch zu bewerben.
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Übersetzungsprobe aus dem Französischen von © Ela zum Winkel
Maïa Hruska: Zehn Versionen von Kafka
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Einleitung
Wir haben uns im Jahrestag geirrt. Das entscheidende Ereignis ist nicht Kafkas Tod, der damals in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb. Entscheidend ist, dass sich unmittelbar darauf zehn Schriftsteller zu einer Mission berufen fühlten: ihn zu übersetzen. Kafkas Werke entfalteten sich außerhalb seiner selbst, der Sprache und des Zimmers, in denen er sie geschrieben hatte. 2024 war nicht der hundertste Jahrestag eines Todes; es war der einer Geburt.
Inzwischen haften dem Namen Kafka ein abgegriffenes Adjektiv und eine zum Kult gewordene Aura an. Heute, da der Name dieses Autors allgegenwärtig ist, können wir uns kaum noch vorstellen, dass es eine Zeit gab, in der fast niemand Notiz von ihm nahm. Diese Zeit liegt nun über ein Jahrhundert zurück, als er, vom heutigen Ruhm weit entfernt, 1924 starb. Ein mit Bleistift geschriebenes Testament und einen Stapel loser Manuskripte, mehr ließ er nicht zurück. Das waren seine einzigen Papiere. Zu seinen Lebzeiten erschienen nur hier und da, in kleineren Zeitschriften, einige wenige Erzählungen. Und die Büros seines ersten Verlegers Kurt Wolff, der 1916 Die Verwandlung druckte, befanden sich nicht an einer vornehmen Adresse in Wien oder Berlin, sondern in Leipzig. Anders gesagt, auf neutralem Boden.
Kafka bewegte sich in mancher Hinsicht in solch anderen Sphären, dass er genauso gut vom Mars hätte sein können. Sein Name und sein Foto tauchten in keinem Verzeichnis auf. Seine Biografie und Bibliografie existierten weder formell noch informell. Wie sah er aus? Heute würden wir sein Gesicht unter Tausenden wiedererkennen, selbst Andy Warhol widmete ihm einen Siebdruck. Doch 1924 war Kafka ein absoluter nobody, dem man weder Körper noch Korpus hätte zuordnen können. Gewissermaßen ein Mann ohne Eigenschaften. Wer war dieser schweigsame Typ, der mit vierzig starb, der Jude, Prager und Österreicher war, und in einer heute verschwundenen Monarchie geboren wurde? In welcher Sprache schrieb er? Was dachte er? War er Kommunist, Freudianer, Kabbalist? War er gläubig, hatte er Familie, Freunde?
Für seine ersten Übersetzer war keine dieser Fragen von Belang. Die Zeit der Kafkologen war noch nicht gekommen.
Es ist wie im Wilden Westen: Ein Pionier wird nur von einem anderen Pionier als solcher erkannt. So waren Kafkas erste Übersetzer zunächst seine Entdecker. Und da sie nichts oder kaum etwas über ihn wussten, gaben sie sich damit zufrieden, sein Werk wie einen vom Himmel gefallenen Schatz aufzulesen. Jenem Schatz näherten sie sich wie der Landvermesser dem Schloss, staunend und mit weit aufgerissenen Augen fragten sie sich, welcher Treppenaufgang, welches Fenster, welche Tür ihnen einen Zugang bieten könnte. Sie waren seine Propheten, seine Boten, voces clamantium in deserto – und es brauchte einiges an Ausdauer, um bei den Verlagen mit dem Namen eines Unbekannten hausieren zu gehen. 1931 vertraute Alexandre Vialatte André Gide an: „Der Name Kafka wird den Leuten nichts sagen. Wenn ich erkläre, dass er Österreicher ist, Jude und noch dazu Tscheche, werden sie diesem Kanaken misstrauen, wenn ich dann aber hinzufüge, er sei der vielleicht wichtigste Schriftsteller unserer Zeit, wird man mich für einen armen Irren halten.“1 Es verwundert daher nicht, dass fast alle ersten Übersetzungen von Kafkas Werken bei denselben Verlagshäusern wie die seiner Übersetzer erschienen: bei Gallimard für Alexandre Vialatte, bei Rój für Bruno Schulz und Losada für Jorge Luis Borges, bei Einaudi für Primo Levi, bei Schocken Books in Israel und in den USA.
Seitdem wurden Kafkas Werke unzählige Male in unzählige Sprachen und von ebenso vielen Übersetzern übertragen. Hier sollen uns nur jene interessieren, denen der besondere Zauber des ersten Mals innewohnt.
Kafka-Borges, Kafka-Jesenská, Kafka-Schulz, Kafka-Levi und Kafka-Vialatte: Diese ungewöhnlichen Paare, denn um solche handelt es sich, halten jeder Kritik stand und prägen im Voraus alle, die ihnen nachfolgen werden. Wie jedes Urteil, wie jede Verwandlung sind diese Übersetzungen unwiderruflich und haben sich für die Ewigkeit ins Gedächtnis eingeschrieben. Walter Benjamin bemerkte in Bezug auf Baudelaire, den er ins Deutsche übersetzte, jede Lektüre der Fleurs du Mal schließe unweigerlich mit ein, wie Marcel Proust sie vor ihm gelesen hatte. Diese Feststellung gilt gleichermaßen für die Rezeption von Kafkas Werken: Unsere heutige Lesart folgt dem Blick jener, die sie als erste wahrgenommen haben.
In den folgenden Jahrzehnten professionalisierte sich die Kafka-Übersetzung und etablierte sich sogar als eigene Disziplin. Andere streckten ihre Fühler aus, eine Hand, einen Fuß, hinterließen Abdrücke in den Spuren der ihnen vorangegangenen Übersetzungen. Sie verglichen Zeile für Zeile, wälzten Wörterbücher, entdeckten hier eine Ungenauigkeit, dort einen Widerspruch. La Bruyère behauptete, wir würden nur einmal – das erste Mal – wirklich lieben: danach liebten wir weniger unfreiwillig. So verhält es sich auch mit Neuübersetzungen, die deutlich weniger „unfreiwillig“ als die ihrer Vorgänger sind. Dass ausgerechnet den ersten Übersetzern vorgeworfen wurde, sie hätten sich zu viele Freiheiten genommen, entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Es ist weder ein Zufall noch ein Auftrag, durch den man zu einem von Kafkas ersten Übersetzern wird. Sondern eine absolute, dringende Notwendigkeit. Die ersten Übersetzer hatten keine Zeit zu verlieren. Sie rissen die Übersetzung an sich, ehe sie selbst fortgerissen wurden, sei es durch Krankheit (Borges), durch einen Sturz ins Leere (Levi) oder in die Seine (Celan), durch die Lager (Milena Jesenská, die russischen Dissidenten), einen Genickschuss (Schulz) oder das Exil (Jolas).
Der Beruf erfordert Zurückhaltung: Es gilt, den Autor, den man übersetzt, nicht in den Schatten zu stellen. Mit Ausnahme seiner Geliebten Milena Jesenská, ist Kafka keinem seiner Übersetzer begegnet. Sieben von ihnen hatten die Shoa erlebt. Paul Celan und Primo Levi kamen nie darüber hinweg, zurückgekommen zu sein. Eher fühlten sie sich schuldig, weil sie überlebt hatten. Vielleicht wurden sie deshalb auch Übersetzer: Um sich, wenn auch nur vorübergehend, in den Dienst eines anderen zu stellen, um in den Hintergrund zu treten und verschwinden zu können.
Übersetzer setzen ihren ganzen Körper ein. Um es mit Ciorans Worten auf den Gipfeln der Verzweiflung zu sagen, hinterlässt ihre Arbeit einen „Geschmack von Fleisch und Blut“, sie entspricht einem Gedankengang, der nicht der „leeren Abstraktion“, sondern jedes Mal einer „sinnlichen Aufwallung oder einem nervlichen Zusammenbruch entspringt.“ Kafkas erste Übersetzer wissen nur zu gut, was der Wechsel von einer Sprache in die andere bedeutet. Ein Hin und Her zwischen zwei Ufern: dem der Lebenden und dem der Toten; dem der Fiktion und dem der Wirklichkeit. Die Skeptiker erinnerte Flaubert bereitwillig daran, Madame Bovary sei niemand anderes als er selbst gewesen. Kafkas Übersetzern gab ihr Jahrhundert allen Grund, zu bekennen: „Josef K. – das bin ich.“
Die Verbindungspunkte zwischen Kafka, seinen Figuren und seinen Übersetzern sind zahlreich und verblüffend vielschichtig. In einem Gemälde von Jackson Pollock würden sie die Illusion eines homogenen Ganzen bilden. Das wäre weit gefehlt: Seine Übersetzer lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Ihnen allen gelang es, sich selbst und zugleich Kafka treu zu bleiben. Jeder von ihnen gab Kafka auf seine Art wieder, erkannte in seinen Texten etwas von sich selbst. Nur ein System wie Mendelejews tabellarisches Raster wäre möglicherweise in der Lage, die Einzigartigkeit jeder dieser Begegnungen auszudrücken.
Werfen wir einen Blick auf dieses Periodensystem, dann findet sich rechts oben das Element mit der Ordnungszahl 10: Neon. Ein einprägsames Sinnbild für zehn Übersetzer, die sich mit Kafka als einzigem Licht einen Weg durch die Nacht bahnten. Neon leitet sich etymologisch vom „neuen Licht“ ab. Tatsächlich ist es nicht wirklich ein Licht, das uns Neon bringt, vielmehr ein Schein: Kafka offenbart sich uns im Schein seiner ersten Übersetzer. Zehn Übersetzer, zehn Elektronen in einem Atom, die wie Glühwürmchen um einen einzigen Kern schwirren. Jedes Elektron verfügt wie jeder Übersetzer über ein Eigenleben. So auch die nachfolgenden Kapitel. Doch sie alle entfalten sich in ein und demselben Feld oder, wie André Breton es bezeichnete, im „unzerstörbaren Kern der Nacht.“
1 Alexandre Vialatte/Jean Paulhan, 1997. Correspondance: 1921-1968. Paris: Julliard.
(Original S. 11-16)
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Ela zum Winkel, mehrsprachig aufgewachsen in Frankfurt am Main, studierte Darstellende Kunst in Paris und Translationswissenschaft in Wien. 2021 nahm sie am Goldschmidt-Programm für junge Literaturübersetzer*innen teil. Sie übersetzt vorwiegend französische Literatur und ist in wechselnden Konstellationen am Theater tätig. Sie lebt in Wien.
Veröffentlichte Übersetzungen aus dem Französischen (Auswahl):
- Rue Saint-Maur 209. Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichten, Ruth Zylberman. Roman. Übersetzung mit Patricia Klobusiczky. Schöffling & Co. 2025
- Die Frauen von Bidi Bidi, Charline Effah. Roman. Orlanda Verlag 2025
- Norman ist (fast) normal, Marie Henry. Theater. Scène 24 – Neue französische Theaterstücke, Verlag Theater der Zeit 2024
- Lass gehen, wen du liebst, Lisa Balavoine. Roman. Freies Geistesleben/ Urachhaus 2024
- Im Herzen des Sahel, Djaïli Amadou Amal. Roman. Orlanda Verlag 2023
- Die Liga der Superfeminist*innen, Mirion Malle. Graphic Novel. Orlanda Verlag 2023
- Tanz der Befreiten, Latifa Djerbi. Theater. Scène 23 – Neue französische Theaterstücke, Verlag Theater der Zeit 2022
- Die ungeduldigen Frauen, Djaïli Amadou Amal. Roman. Orlanda Verlag 2022
- Mehr gibt’s nicht zu sagen, Thierry Simon. Theater. Im Auftrag des Festival Primeurs für frankophone Gegenwartsdramatik, 2020
