Le Tigre bleu de l'Euphrate (Der blaue Tiger vom Euphrat)

Auf Französisch erschienen bei Actes Sud, 2011.
56 Seiten, ISBN 978-2-7427-3948-6.
Deutschsprachige Rechte frei (Oktober 2024).
Rechteinhaber: Verlag Actes Sud

Autor·in: Laurent Gaudé
Genre: Theater, Lyrik
Vorgestellt von: Margret Millischer

Inhaltsangabe

„Alexander der Große steht am Ende seines kurzen Lebens und sieht dem nahen Tod mit klarem Blick ins Auge. Er erzählt dem unsichtbaren Gast Tod von seinem rastlosen Leben, seinem Streben nach Ruhm, Anerkennung und Macht. In seinem übermenschlichen Selbstverständnis fragt er den Tod nicht um ein Stück Ewigkeit. Er hat sich zu Lebzeiten zu einer unsterblichen Legende gemacht. Dafür hat er selbst gesorgt. Er bittet den Tod, ihn als ein Ganzes für immer mitzunehmen. Kein Leichnam soll auf Erden bleiben. Kein Grab. Keine Gedächtnisstätte. (…) Mit diesem totkranken Helden – der einmal liegt, einmal im Wüstensand kauert – zieht man in der Erinnerung als Eroberer gegen Mazedonien, nach Ägypten, von Persien bis nach Indien. Die blutüberströmten Schlachtfelder ziehen vorbei, die Meere werden durchquert und die Wüsten. Er erzählt die Begegnung mit Darius, seinem persischen Gegenspieler, mit einer Kriegsgefangenen, die Auseinandersetzung mit Koinos, der den Kriegszug gegen Osten aufhalten wollte. Zum Symbol seiner inneren Unruhe, seines unersättlichen Strebens wird der blaue Tiger, den er am Rande des Euphrat erblickt. (…) Der Text stellt die Frage nach dem Warum von Alexanders Streben, gibt aber keine definitiven Antworten. Er zeigt den Menschen Alexander als einen komplexen Visionär, der hehre Ziele verfolgte, doch genauso von Selbstzweifeln zerrissen war. Er selbst nennt sich einen Irren, einen kranken Geist, einen Getriebenen. (…) Alexander stirbt allein. Absolute Stille. Ein Mensch ist tot. Laurent Gaudés Text ist ein hervorragendes literarisches Werk. (…)”
(Auszug aus einer Kritik von Anne Schröder aus der Wochenzeitschrift d’Lëtzebuerger Land)

Kurzbiografie des Autors

Laurent Gaudé, Jahrgang 1972, lebt in Paris und schreibt Theaterstücke, Erzählungen und Romane. Er wurde 2004 für seinen Roman Le soleil des Scorta (Die Sonne der Scorta, bei dtv) mit dem renommierten französischen Prix Goncourt ausgezeichnet und hat seither eine Reihe von weiteren erfolgreichen Werken verfasst, u. A. Eldorado (Euregio-Literaturpreis, 2010), Nous, l’Europe – banquet des peuples, das im Dezember 2019 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet wurde und im Oktober 2021 auf Deutsch bei der Edition Fototapeta in Berlin herausgekommen ist. Sein Stück La dernière nuit du monde (Die letzte Nacht der Welt) hat beim Heilbronner Dramatikwettbewerb den ersten Preis gewonnen und wird im März 2025 dort aufgeführt. Le Tigre bleu de l’Euphrate erschien 2011 bei Actes Sud, ebenso Terrasses. Beide Texte wurden für das Theater adaptiert und im Juni im Théâtre de la Colline in Paris aufgeführt.

Argumente für eine Übersetzung

Das Thema scheint auf den ersten Blick ein historisches zu sein, Alexander, ein Held, ein Mythos, dessen Rezeptionsgeschichte sich über Länder und Epochen erstreckt. Bei genauerem Hinsehen geht es dem Autor aber primär um die Frage, was einen machtbesessenen Menschen antreibt, warum er alles Erreichte immer wieder aufs Spiel setzt, immer weiter vorwärtsstrebt und sein „unstillbaren Verlangen“ bis zum Tod und noch darüber hinaus reicht. So lässt der Text auch Bezüge zu aktuellen Geschehnissen und diktatorischen Charakteren unserer Zeit erkennen.

In Frankreich wurde das Stück gemeinsam mit dem zuletzt herausgekommenen Werk Terrasses im Mai/Juni 2024 im Théâtre de la Colline mit großem Erfolg aufgeführt, es wurde aber auch bereits in früheren Jahren in Kanada, Belgien und Luxemburg gezeigt. Es ist ein Paradestück für einen herausragenden Schauspieler, der diesen Monolog zum Leben erwecken muss. Die Inszenierung in Frankreich wurde auch diesbezüglich sehr gelobt. Aber der Text kann auch als solcher für sich bestehen.

Die Sprache ist mitreißend, poetisch, voller Gewalt, mit vielen Bildern, Metaphern, Wiederholungen und entwickelt eine Sogwirkung, die den Leser in seinen Bann schlägt. Es kämen also nicht nur Theaterverlage in Frage, sondern auch Verlage, deren Schwerpunkt auf Lyrik liegt. Es wäre mir ein Anliegen, den Text dieses Autors, von dem ich schon mehrere Werke übersetzt habe, ins Deutsche zu übertragen.

Deutschsprachige Rechte

Nach Auskunft von Actes Sud sind die Rechte für eine deutschsprachige Ausgabe verfügbar.

Übersetzungsprobe aus dem Französischen von © Margret Millischer

Laurent Gaudé: Der blaue Tiger vom Euphrat

Ruhe bitte.
Was habt ihr nur?
Vor Ungeduld tretet ihr von einem Fuß auf den andern,
kommentiert jede meiner Handbewegungen,
erforscht meinen Gesichtsausdruck in allen Einzelheiten,
untersucht sogar meine Ausscheidungen,
um aus ihnen ein Vorzeichen herauszulesen.

Ja, ich sterbe,
ja, ich werde bald vom Tod hinweggerafft.
Ich sage es euch.
Dazu müsst ihr nicht meine Krämpfe beobachten
oder die Häufigkeit meiner Hustenanfälle zählen.
Ich sterbe
und bitte nur um etwas Ruhe.
Ich spüre euch.
Ständig höre ich euch über den Verlauf der Krankheit reden,
und die Kunde, die ganz leise in meinen Betttüchern entsteht,
verbreitet sich wie ein Lauffeuer in den Gängen des Palastes.
Bald geht sie hinaus durch das große Tor und ergießt sich
wie ein Strom aus Schlamm in die Straßen der Stadt.
Wie ein gewaltiger Schatten, der den Himmel meines Reiches überdeckt.
Ein Schatten, der besagt, dass der König krank ist und sterben wird.
Ihr müsst euch nicht verbergen, um darüber zu reden.
Ich weiß es besser als jeder andere.

Ich sterbe vor Hunger, Durst und unstillbarem Verlangen.
Ihr hört mich, ihr alle, die ihr die genaue Natur meiner Krankheit erfahren wollt,
ihr alle, die ihr darauf wettet, wie viele Tage mir noch zum Leben bleiben,
ihr, die ihr in den Gängen flüstert und über meine Krankheit wacht,
mit der Aufmerksamkeit einer Amme über dem Kinderbett,
Vor Hunger werde ich sterben.
Wer von euch kann das verstehen?

Lasst mich in Ruhe.
Rührt mich nicht an.
Umgebt mich nicht mit eurer Fürsorge.
Ich möchte eure Salben nicht riechen und euer Gemurmel nicht hören.
Verlasst dieses Zimmer.
Niemand soll hereinkommen.
Die Frauen, mit denen ihr mich umgeben wollt,
sie sollen hinausgehen.
Die Dienerinnen, die meinen kranken Körper pflegen,
die kommen und gehen in ihren weißen Leinentuniken, mit gesenktem Haupt,
die die Betttücher wechseln und meinen Körper reinigen,
sie sollen hinausgehen.
Meine dreihundertfünfundsechzig Ehefrauen,
die ihr einzeln hereinkommen lasst zum Abschiednehmen,
ein endloser Zug von sinnlichen Lippen und falschem Mitleid,
sie sollen hinausgehen.
Zu Zeiten meines Glanzes machte ich sie zu meinen.
Eine Frau pro Tag wollte ich,
nie wollte ich zweimal das gleiche Gesicht vor mir sehen.
Doch ich bin nicht mehr der, der ich war.
Sagt es ihnen.
Niemand soll mehr hierherkommen, um mir die zu Hand küssen.
Niemand, um neue Heilmittel an mir zu erproben,
die mir Erleichterung verschaffen sollen.
Man soll diese Tür versiegeln
und mich in Ruhe lassen.
Ich habe einen außergewöhnlichen Gast eingeladen
und möchte ganz für ihn da sein.
Hinaus.
Ich habe abgeschlossen mit der Welt.
Hinaus,
Hinaus!

So.
Jetzt sind wir allein, du und ich.
Ich betrachte deinen Schatten an der Wand,
deinen Schatten, der immer größer wird.
Ich weiß, es ist das Antlitz des Gottes der Unterwelt, der da ist,
an der weißen Wand meines Marmorpalastes.
Das Antlitz der Toten in der Hitze des babylonischen Sommers.
Doch es gelingt mir noch nicht, deine Gesichtszüge zu erkennen.
Ich habe keine Angst.
Du kannst nach Herzenslust wachsen,
mein Zimmer ausfüllen.
Ich lade dich ein.
Sei mein Gast.
Komm näher,
Komm näher, ich weiß, wer du bist.
Ich werde sterben.
Bald wirst du an der Reihe sein, mich in deinen Palast einzuladen.
Hoch oben von deinem Thron aus Quarz wirst du nach meinem Namen fragen.
Dann wirst du, ohne ein Wort zu sagen, mein Leben abwägen,
wie das von Milliarden Menschen vor mir,
und es wird nicht mehr und nicht weniger lang dauern.
Ich möchte nicht mit dem Maßstab deiner gewöhnlichen Waage beurteilt werden.
Ich möchte viel mehr.
Komm,
Komm näher.

Du fragst dich, was ich will
und warum ich spreche.
Du fragst dich, wieso ich dich sehen kann und durch welches Wunder du mich hörst.
Es ist das erste Mal, nicht wahr, dass du die Stimme eines Menschen hörst?
Und das bringt dich aus der Fassung.
Du lässt dich von der Musik meiner Sätze einwiegen,
folgst meinen Gedanken
und dieses neue Zwiegespräch mit einem Menschen
erschreckt und begeistert dich zugleich.
Seit Anbeginn der Welten sind die, die zu dir kommen, stumm.
Verängstigte Schatten, die mit gesenktem Haupt gehen.
Du musterst sie von oben herab
und nimmst sie mit in die Unterwelt.
Niemals hat einer von ihnen ein Wort gesprochen.
Denn noch nie ist ein Mensch zu dir gekommen.
Nur Leichen waren es,
hohle Körper, durch die der Wind pfeift.
Heute kommst du in dieses Zimmer, um mich zu rauben,
wie du alle anderen geraubt hast.
Doch ich spreche mit dir und du hörst mich
und du stehst da, von Schrecken erfüllt.
Hab keine Angst,
komm doch näher.

Ich sehe dich schlecht.
Eine undeutliche Form an den weißen Wänden des Zimmers.
Ich werde geduldig sein.
Dein Gesicht wird sich immer klarer zeigen.
Schau dir das kleine Goldkästchen an, das ich an meinem Hals trage.
Es ist mein kostbarster Schatz.
Schau, es enthält nichts Anderes als ein paar Blätter von getrockneten Pflanzen.
Siehst du es?
Ich öffne es vor dir.
Zarte getrocknete Blätter, übereinandergeschichtet.
Ich führe eines an meine Lippen und kaue es vorsichtig.
Blätter des Todes sind es,
die die Sterblichen nicht kennen.
All die Jahre habe ich sie bei mir behalten
in Erwartung dieses Augenblicks.
Ich kaue sie langsam
und ihr Geschmack ist mit nichts zu vergleichen.
Durch sie sehe ich dich und du kannst mich hören.
Blätter aus der Zwischenwelt sind es.
Ich kaue sie und es ist, als wäre ich nicht mehr ganz lebendig.
Ich kaue sie und breche jetzt auf zu meiner letzten Eroberung,
meinem letzten Kampf.
Alexander ist es, der seinen Tod lebendig sehen wird.
Ich werde dir erzählen, was ich war,
und du wirst jedes meiner Worte aufsaugen
und sogar hoffen, dass ich nicht zu schnell sterbe.
Ja, Alexander wird den Gott der Toten zum Erblassen bringen,
vor Erstaunen zuerst,
und dann vor Entzücken.

II

Bei meiner Geburt, in dem Augenblick,
als meine Mutter mich in einem letzten Röcheln herauspresste,
fing der Tempel in Ephesos Feuer.
Hohe Flammen fraßen ihn auf, niemand hatte eine Erklärung für diesen Brand.
Ja, ich war auf der Welt
und schon war ich hungrig.
Aber ich war erst ein Säugling.
Ich musste noch warten.
Warten, bis mein Körper Gestalt annimmt,
meine Muskeln größer und härter werden.
Warten, bis die Jahre vergehen.
Warten, bis der gelehrteste aller Menschen mich sein Wissen lehrt.
Warten, bis ich die Gesänge unserer Ahnen vortragen,
bis ich kämpfen und laufen,
Pflanzen erkennen und Männer in den Kampf führen kann,
im Gesicht der Höflinge lesen
und eine Frau bewundern kann.
Warten, ja,
und es schien mir unendlich lang.
Das Leben begann immer noch nicht.
Also beschleunigte ich die Zeit wie noch kein Mensch vor mir,
verschlang Bücher und lernte ohne Unterlass.
Und eines Tages schließlich war ich bereit.
Ich war zwanzig Jahre alt und hatte schöne blonde Locken,
zwanzig Jahre, den Körper eines Kriegers und die Augen eines Liebhabers,
zwanzig Jahre, das Wissen eines Philosophen auf einem galoppierenden Pferd.
Mein Hunger war immer größer geworden.
Schaum stand mir vor dem Mund.
Endlich, mit zwanzig Jahren, begann der Wettlauf und hörte nie mehr auf.
Mit zwanzig Jahren stellte ich meine erste Armee auf.
Ich benötigte einen Feind, der mir gewachsen war.
Ich blickte über das Meer, zu den Küsten Asiens
und sah Dareios,
meinen Feind,
meinen Hunger,
mein maßloses Verlangen.
Mit den Kiefern wollte ich Dareios zermahlen,
ihn unter den Hufen meines Pferdes zertreten.
Dareios, der unendlich viel größer war als ich.

In Issos trafen wir uns zum ersten Mal.
In Issos, ja,
und die Erde beweint noch heute die Toten,
die wir dort zurückließen.
Wenn Philipp mir das Leben geschenkt hat,
so schenkte mir Dareios als Erster den Ruhm.
Und dort auf der Ebene, auf der wir uns bekämpften,
ließ ich einen Tempel erbauen, der diese Inschrift trägt:
„Hier wurde Alexander zum zweiten Mal geboren,
aus den Tränen des Dareios, auf dem Boden Asiens.“
Der Kampf war gewaltig,
wie Hunde kämpften wir, die einander im Getöse eines Zwingers zerfleischen.
Dicht aneinandergedrängt im Schlachtengetümmel gelang es mir kaum,
meinen Arm zu befreien, um den Feind zu treffen.
Ich sehe die Lanzen wieder vor mir, die versuchten, mich zu durchbohren.
Ich höre von Neuem die Schreie meiner Gefährten
und erinnere mich an die Jugend meines Körpers.
Ja, in Issos begann ich zum ersten Mal, wie ein Titan zu atmen.
Und Dareios ergriff die Flucht vor mir.
Der Schrecken erfasste ihn.
Ein unbezwingbares Gefühl ließ ihn ersticken.
Es ging nicht um einen Sieg oder eine militärische Niederlage.
Ich war kein vom Glück begünstigter Feind und kein besserer Stratege.
Nein,
was er vor sich sah,
war eine Sonnenfinsternis.
Eine totale Sonnenfinsternis, die über sein Reich, seinen Namen
und die tausendjährige Herrschaft seiner Familie hereinbrach.
Daher war er zu Tode erschrocken.
Er gab seinem Pferd die Sporen,
ließ seine Armee ausgeblutet von unseren zornigen Schlägen zurück,
seine Mutter, seine Frau und seine Kinder.
Und er floh, ja, vor meinem rasenden Zorn.
Zum ersten Mal hatten sich unsere Blicke auf dem Schlachtfeld getroffen,
und Dareios hatte in meinen Augen seinen Tod gesehen.
Heute verstehe ich seinen Schrecken.
Für die Meinen war ich der prächtige junge Mann mit den schmalen Lippen,
der die feindliche Armee unter den Hufen seines Pferdes bezwang,
für Dareios hatte ich die Züge eines Irrsinnigen,
der im Getümmel lacht und die Schädel der feindlichen Soldaten zertrümmert,
mit dem Lächeln eines Mörders, ohne sie aus den Augen zu lassen.
In Issos, da kämpften wir.
Inmitten der Menge aus Leder und Schweiß sahen wir,
wie Dareios uns den Rücken zukehrte und floh.
Von der Höhe der gegnerischen Hügel hörten wir das Wehgeschrei derer, die er verließ.
Wir hörten die Schreie, die das Ende der Schlacht ankündigten,
wir hoben den Kopf und ließen die Arme sinken.
In Issos öffneten sich in diesem Augenblick die Tore Syriens
und wir küssten den Boden, der unter dem Stampfen unserer Schritte
im Staub unseres unstillbaren Verlangens kapitulierte.

(S. 8-14)

Übersetzer·innenverzeichnis: Margret Millischer

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