.
Zum Inhalt
Der Roman spielt in dem fiktiven Kaiserreich Neu-Yogo, einem phantastischen Setting, das jedoch gewisse Parallelen zur Geschichte Japans aufweist. Protagonistin ist die Leibwächterin Balsa, die von der Zweitfrau des Kaisers von Neu-Yogo beauftragt wird, ihren Sohn Chagum zu beschützen; dieser ist von einem mysteriösen übernatürlichen Phänomen betroffen und die kaiserlichen Berater sind der Meinung, er sei von einem dämonischen Wesen besessen, weswegen der Kaiser seine Ermordung angeordnet hat. Trotz anfänglicher Skepsis nimmt Balsa den Auftrag an und begibt sich mit dem Kind auf die Flucht, während sie gleichzeitig versucht, die wahren Hintergründe seiner Situation herauszufinden. Unterstützt wird sie dabei von zwei alten Bekannten, dem Heilkundler Tanda und der Schamanin Torogai, die beide einer in der Gesellschaft von Neu-Yogo marginalisierten Bevölkerungsgruppe angehören. Parallel dazu kommen einem jungen Sterndeuter im Dienste des Kaisers Zweifel an der offiziellen Geschichtsschreibung des Kaiserreiches und er begibt sich seinerseits ebenfalls auf die Suche nach Antworten. Je mehr Informationen ans Licht kommen, umso zweifelhafter erscheint die Ideologie der Kaiserdynastie.
.
Zur Autorin
Nahoko Uehashi (上橋 菜穂子, Uehashi Nahoko, *1962 in Tokio) ist Schriftstellerin und Anthropologin. Ihr Forschungsschwerpunkt im Bereich der Anthropologie sind die Kulturen der australischen Aborigines. Sie schreibt hauptsächlich Fantasyromane mit folkloristischen Motiven, die sich primär, aber keineswegs ausschließlich, an ein jüngeres Publikum richten. 2014 wurde Uehashi mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet.
.
Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche
Themen: Ein zentrales Thema des Romans ist Geschichtsverfälschung bzw. die Notwendigkeit, die Vergangenheit offen aufzuarbeiten, anstatt sie zu beschönigen – ein Thema, das eine gewisse zeitlose und ortsunabhängige Gültigkeit hat, aber auch gerade im deutschsprachigen Raum als besonders relevant gelten kann. Ebenso plädiert der Roman für interkulturelle Kommunikation und die Überwindung von Vorurteilen.
Rezeption im Ursprungsland und international: Der Roman ist in Japan ein Bestseller und wurde in 10 verschiedene Sprachen übersetzt (Englisch, Mandarin, Taiwanisch, Koreanisch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Mazedonisch, Vietnamesisch). Er wurde zweimal als Fernsehserie umgesetzt: einmal als Anime (2007) und einmal als Realfilm-Serie (2016). Die Anime-Adaption wurde unter dem englischen Titel Guardian of the Spirit ins Deutsche synchronisiert und mehrfach (erstmals 2012 auf Super RTL) im deutschen Fernsehen ausgestrahlt; es ist naheliegend, dass unter Fans der Serie auch Interesse an der Romanvorlage besteht.
Übersetzungsprobe aus dem Japanischen von © Lea Berger
Nahoko Uehashi: Der Hüter des Geistes
.
Prolog: Die Rettung des Prinzen
Dass die kaiserliche Prozession genau dann die Yamakage-Brücke erreichte, als Balsa die flussabwärts gelegene Torikage-Brücke überquerte, änderte Balsas Schicksal völlig.
Die für das gemeine Volk bestimmte Torikage-Brücke war eine heruntergekommene Hängebrücke, deren Bretter an manchen Stellen derart morsch waren, dass man die Strömung des Aoyumi-Flusses durch die Löcher sah. Der Fluss war schon für gewöhnlich kein angenehmer Anblick, und jetzt, wo er nach den langen herbstlichen Regenfällen Hochwasser führte, war er besonders furchterregend: wild tobendes, schmutziges braunes Wasser, auf dem sich weißer Schaum auftürmte.
Doch Balsa, in ihrem abgetragenen Reisemantel und mit ihrer großen Tasche, die sie an ihren Speer gebunden hatte, betrat die schwankende Hängebrücke, ohne mit der Wimper zu zucken.
Balsa war nun dreißig Jahre alt. Sie war zwar nicht besonders groß, aber muskulös und beweglich. Ihr langes, nicht gerade glänzendes schwarzes Haar trug sie im Nacken zusammengebunden und auf ihrem ungeschminkten, sonnengebräunten Gesicht zeigten sich bereits kleine Fältchen. Doch die Blicke anderer Leute blieben vor allem an ihren Augen hängen. Sie waren tiefschwarz und strahlten eine bemerkenswerte Stärke aus. An dem markanten Kinn und diesen Augen sah man sofort, dass Balsa nicht so leicht hinters Licht zu führen war. Und jeder, der etwas von Kampfkunst verstand, musste in ihr eine ebenbürtige Gegnerin erkennen.
Während Balsa die im Wind gefährlich schwankende Brücke schnellen Schrittes überquerte, warf sie einen flüchtigen Blick flussaufwärts.
Die Hänge der mächtigen Berge erstrahlten im tiefen Rot des Herbstlaubes. Unter dem roten Blätterdach zog ein Ochse eine Kutsche mit goldenen Beschlägen, die von etwa einem Dutzend Dienstboten bewacht war; aus der Entfernung sah sie winzig aus.
Im Licht der Nachmittagssonne, das ihre Brokatornamente und Metallbeschläge funkeln ließ, zog die Kutsche weiter. Die roten Banner vor ihr kündeten vom gesellschaftlichen Stand des Passagiers.
Die Prozession des Zweiten Prinzen? Er ist also gerade auf dem Rückweg von seinem Nebenpalast in den Bergen.
Balsa blieb stehen und betrachtete die Prozession. Auf diese Entfernung würde es nicht als Verbrechen gelten, wenn sie nicht auf die Knie fiele. Außerdem lag die Sonne, die sich schon gen Westen gesenkt hatte, hinter ihr; im Gegenlicht würde wohl niemand Balsas Gestalt wahrnehmen. Die Prozession unter den Herbstbäumen im Schatten der Berge war schön wie ein Gemälde.
Balsa war nicht in diesem Land geboren. Außerdem hatte sie aufgrund von Ereignissen, die sie nicht vergessen konnte, wenig Respekt vor Königen, Kaisern und dergleichen. Sie war einfach nur von der Schönheit dieses einen Augenblicks, der einem Kunstwerk glich, hingerissen.
Doch im nächsten Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Als die Kutsche ungefähr die Mitte der solide gebauten, für den Gebrauch der Kaiserfamilie bestimmten Yamakage-Brücke erreicht hatte, ging plötzlich der Ochse durch. Wie im Wahn schüttelte er die Hände der ihn führenden Dienstboten ab, bäumte sich auf und schlug nach hinten mit den Hufen und nach vorne mit den Hörnern um sich. Bevor die Dienstboten etwas dagegen tun konnten, geriet die Kutsche in heftiges Schlingern und kippte schließlich, und eine kleine Gestalt wurde aus der Kutsche in die Luft geschleudert.
In dem Moment, als die hilflos mit Armen und Beinen fuchtelnde Gestalt in den Fluss hinabstürzte, hatte Balsa schon ihr Gepäck hingeworfen, den Mantel abgelegt, ein Seil aus der Tasche geholt, es an den metallbeschlagenen Griff ihres Speers gebunden und den Speer mit aller Kraft in Richtung des Flussufers geworfen. Der Speer flog in einer geraden Linie und bohrte sich tief in die Erde zwischen den Felsen. Balsa sah aus den Augenwinkeln noch, dass drei oder vier Dienstboten dem Prinzen hinterhergesprungen waren, als sie das Seil ergriff und sich in den schmutzigen Fluss stürzte.
Es war, als ob sie auf Steinpflaster aufgeschlagen wäre. Sie bekam keine Luft und ihr wurde schwarz vor Augen. In der reißenden Strömung des schmutzigen Flusses tastete sich Balsa an ihrem Seil entlang und zog sich auf den nächstgelegenen Felsen. Sie wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht, suchte angestrengt und erblickte ein kleines, rotes Etwas, das im Fluss trieb. Manchmal hob sich kurz die Hand des roten Etwas, nur um gleich wieder unterzugehen.
Sei in Ohnmacht gefallen. Bitte sei in Ohnmacht gefallen!, dachte Balsa inständig und tauchte zielsicher ein zweites Mal in den reißenden Fluss. Sie schwamm mit kräftigen Zügen gegen den Strom, um die Stelle zu erreichen, wo die Strömung den Prinzen hintragen würde. Das Wasser war beißend kalt. Die Wellen rauschten in ihren Ohren. Inmitten der trüben Strömung konnte sie gerade noch die rote Farbe des Gewandes des Prinzen erkennen.
Sie streckte die Hand nach dem Saum des Gewandes aus, doch dieser entglitt ihrem Griff.
Verdammt!
Balsa verfluchte sich schon dafür, dass sie versagt hatte, als plötzlich etwas Seltsames passierte. In einem einzigen Augenblick, nicht länger als ein Wimpernschlag, wurde ihr Körper plötzlich leichter. Die vorher so wilde Strömung verschwand, jegliches Geräusch verstummte, und alles kam in einem schier endlosen, durchscheinenden Blau zum Stillstand. Nur die Gestalt des Prinzen war deutlich zu sehen. Ohne zu wissen, was vor sich ging, griff Balsa einfach ein weiteres Mal nach dem roten Gewand.
Hab ihn!, dachte sie, und einen Augenblick später hatte sie das Gefühl, als würde ihr gleich die Hand abreißen. War der seltsame Moment zuvor also nichts weiter als ein Traum gewesen? Die wilde Strömung riss die beiden mit, als wären sie zwei Blätter.
Mit aller Kraft zog Balsa den Prinzen zu sich und befestigte einen der Metallbeschläge ihres Seils an seinem Gürtel. Dass ihr das im eiskalten Wasser mit ihren vor Kälte starren Händen gelang, grenzte bereits an ein Wunder. Nun schwamm Balsa mithilfe des Seils zum Ufer. Ihr war, als würde ihr Körper vor Erschöpfung gleich auseinanderfallen, aber trotzdem folgte sie dem Seil und zog den völlig reglosen Prinzen mit sich.
Als sie den Kopf des Prinzen anhob, war sein Gesicht blau angelaufen. Er war wohl erst elf oder zwölf Jahre alt. Glücklicherweise war er, wie sie es erhofft hatte, durch den Schock des Aufpralls in Ohnmacht gefallen. Sein Bauch war nicht angeschwollen, was hieß, dass er kein Wasser geschluckt hatte. Balsa begann mit den Maßnahmen zur Wiederbelebung. Bald kehrte die Atmung des Prinzen mit einem lauten Hustenanfall zurück.
Das war knapp, aber ich habe es also doch noch geschafft, ihn zu retten, dachte Balsa mit einem Stoßseufzer. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch nicht wissen, dass dies erst der Anfang war.
(Original S. 13-18)
Lea Berger
Geboren 1995 in Lienz. 2013-2018 BA-Studium der Anglistik/Amerikanistik und Romanistik (Italienisch, Zweitsprache Französisch) an der Universität Salzburg; 2018-2023 MA-Studium der Translationswissenschaft an der Universität Innsbruck. Nach langjährigem Selbststudium des Japanischen absolvierte sie im Juli 2024 erfolgreich den Japanese-Language Proficiency Test (JLPT) auf dem Niveau N1, also der höchsten Stufe. 2025 wurde sie in die Übersetzer*innenkartei des Altraverse-Verlags aufgenommen.
