
Martin-Pollack_©_Ayse-Yavas
Am Wochenende haben wir die traurige Nachricht erhalten, dass Martin Pollack verstorben ist. Er war unserem Verband über viele Jahre verbunden, lange auch als Vorstandsmitglied. Als Übersetzer polnischer Literatur wurde er 2003 mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung ausgezeichnet.
Hier eine Würdigung und persönliche Erinnerung an Martin von unserem Vorstandsmitglied Jacqueline Csuss.
Nachruf
Martin Pollack ist von uns gegangen, und obwohl es zu erwarten war, ist der Verlust ein großer und so trauriger.
Er war, wie Gerhard Zeillinger, ein enger Freund Martins in seinem Nachruf schreibt, der große Erinnerungsarbeiter der europäischen Literatur, als Übersetzer, als Autor und als Intellektueller. Alles, was er tat, und wie sich später herausstellte, intuitiv sein ganzes Leben lang, war ein permanenter Aufruf zur kritischen Auseinandersetzung – mit der europäischen Geschichte, doch insbesondere mit der NS-Vergangenheit dieses Landes (dem “Sieg des Provinziellen”, wie er es nannte), und hier kam auch die Geschichte seines Vaters ins Spiel, der, wie sich schließlich in der Slowakei herausstellte, ein verbriefter Kriegsverbrecher war. Als „Der Tote im Bunker” erschien, erzählte er mir, dass er bei seinen Recherchen für das Buch ständig damit rechnete, auf Kriegsverbrechen zu stoßen, in gewisser Weise aber noch verschont blieb. Das Buch bzw. die Geschichte seines Vaters hörte da aber nicht auf, sondern entwickelte sich weiter, weil sich Leute bei ihm meldeten, die über den Vater berichteten, andere, die die Vergangenheit ihrer eigenen Familien endlich selbst aufarbeiten wollten.
Martin hat sich auf das Wissen um seinen Vater in seiner unsentimentalen Art eingelassen, er hat es in seine Texte und Vorträge als das eingebracht, was es war – ein Verbrechen. Ohne Beschönigung. Ohne persönliche Betroffenheit whatsoever. Das hat seine Texte auch so stark gemacht. „Kontaminierte Landschaften” wurde dann in gewisser Weise zu seiner persönlichen Aufarbeitung – eines der stärksten und wichtigsten Bücher, die ich kenne.
Eine Zeit lang war er auch im Vorstand der ÜG – die besonnene, vernünftige Stimme eines Menschen, der Übersetzer, Journalist, Schriftsteller, doch vor allem ein großer Mensch war und ein guter Freund wurde. Seine Veranstaltungsreihe in Leipzig ist legendär, am IWM war er die Stimme der Ukraine und der belarussischen Protestbewegung, er schrieb lange politische Analysen für den Standard – Aufrufe an die Vernunft und zuletzt zum Widerstand. Man darf nicht wegschauen, man muss die Stimme erheben ohne Rücksicht auf Verluste, man muss den Mut zur Wahrheit haben. So oder so ähnlich hat er sich angesichts der drohenden und jetzt eingetretenen Verhältnisse immer wieder geäußert. Kämpft für die Demokratie!
Jetzt ist er verstummt. Der große Martin Pollack.
Jacqueline Csuss
17. 1. 2025