Cruzar el agua (Übers Wasser gehen)

Auf Spanisch erschienen bei Nocturna Ediciones, 2022.
190 Seiten, ISBN 978-8418440328.
Deutschsprachige Rechte frei (Stand 22. 4. 2024).
Rechteinhaber: Verlag Nocturna Ediciones

Autor·in: Luisa Etxenike
Genre: Roman
Vorgestellt von: Eva Srna

Inhalt

Cruzar el agua ist der neunte Roman von Luisa Etxenike. Es geht darin um drei Personen, die ein schweres Trauma erlitten haben: Irene, eine erfolgreiche Modedesignerin mit Haus am Meer und eigenem Atelier, die nach einem Unfall erblindet ist, wodurch ihr ganzes bisheriges Leben mit einem Schlag beendet zu sein scheint; Manuela, ihre Haushaltshilfe, eine junge Frau aus Kolumbien, die nach einer brutalen Vergewaltigung und einer unbefriedigenden Partnerschaft beschlossen hat, ihre Heimat zu verlassen und sich in Spanien ein neues Leben aufzubauen; und Juan Camilo, ihr achtjähriger Sohn (sie war nach der Vergewaltigung schwanger geworden), der, durch seinen Stiefvater schwer verunsichert, seit der Emigration kein Wort mehr spricht. Die drei Protagonist:innen, die unter normalen Umständen kaum Berührungspunkte gehabt hätten, lassen sich aufeinander ein und helfen sich gegenseitig, ihr jeweiliges Trauma so weit zu überwinden, dass ein künftiges Leben ohne die Schatten der Vergangenheit möglich erscheint.

Aufbau und Stil

Der Roman hat 190 Seiten und ist in viele kurze, in sich abgeschlossene und mit einem Titel versehene Kapitel geteilt, in denen Szenen aus dem Leben der drei Protagonist:innen dargestellt werden (siehe Übersetzungsprobe). Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive der drei Personen erzählt, und zwar so, dass die Gründe für Irenes Blindheit, Manuelas Emigration und das hartnäckige Schweigen Juan Camilos erst nach und nach aufgedeckt werden, und sich in der Art eines Puzzles erst am Schluss ein Gesamtbild ergibt – eine geschickte Dramaturgie, um die Spannung bis zum Schluss zu halten.

Luisa Etxenikes Stil ist knapp, sie arbeitet sprachlich präzise, deutet Vieles nur an, was sich erst im Lauf der Handlung näher konkretisiert. In diesem Roman wie auch in anderen ihrer Texte ist kein Wort zu viel.

Kurzbiografie Autorin

Luisa Etxenike wurde 1957 in San Sebastián geboren, wo sie auch lebt und arbeitet. Sie ist eine im Baskenland bekannte Autorin, die in spanischer Sprache publiziert. Ihr Werk umfasst bereits zehn Romane, zwei Bände mit Erzählungen, drei Theaterstücke und einen Lyrikband (genaue Angaben zu den Titeln siehe https://www.luisaetxenike.net).
Für ihren Roman
El ángulo ciego erhielt sie 2009 den Premio Euskadi für Literatur in spanischer Sprache. Er bildet zusammen mit den Romanen Absoluta presencia (2018) und Aves del paraíso (2019) eine Trilogie, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit den Auswirkungen des ETA-Terrorismus auf Einzelschicksale befasst. Luisa Etxenikes letzter Roman Llevar en la piel (2023), mit dem sie unter dem Heteronym Antonia Lassa einen ersten Ausflug ins Krimi-Genre unternommen hat, liegt unter dem Titel Skin Deep auch schon in einer englischen Fassung vor. Er hat bei Kritikern großen Anklang gefunden.

Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet die Autorin auch als Übersetzerin aus dem Französischen ins Spanische (2007 erhielt sie in Frankreich die Auszeichnung Chevalier de l`Ordre des Arts et des Lettres), organisiert seit Jahren in ihrer Heimatstadt ein Internationales Treffen für Schriftstellerinnen, leitet Workshops für Kreatives Schreiben, schreibt Kolumnen für verschiedene Medien und war an US-amerikanischen Universitäten als Gastprofessorin tätig.

Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche

Ich habe im vergangenen Sommer eine Auswahl von acht Kapiteln des Romans Cruzar el agua für eine zweisprachige Lesung in Wiesbaden übersetzt. Luisa Etxenikes Stil und der spannende Aufbau des Romans haben mich von Anfang an überzeugt, aber auch, wie einfühlsam und feinsinnig darin so schwierige Themen wie Migration und die Bewältigung von Traumata behandelt werden. Es ist eine aufbauende Lektüre, die Hoffnung vermittelt, ohne ein billiges Happy End anzubieten, eine literarische Gegenstimme in einer Zeit, die wenig Anlass zur Hoffnung gibt. Die Lesung in Wiesbaden ist laut der Organisator·innen beim deutschen Publikum sehr gut angekommen.

Deutschsprachige Rechte

Es wundert mich, dass bisher noch kein Text von Luisa Etxenike ins Deutsche übersetzt wurde. Meine Nachfrage beim Verlag Nocturna Ediciones, dem Herausgeber ihrer letzten Romane und Inhaber der internationalen Rechte, hat ergeben, dass die Rechte für eine englische Übersetzung von Cruzar el agua schon vergeben sind, sie soll Ende 2024 erscheinen; die Rechte für eine deutsche Übersetzung sind noch frei (im Verlag Nocturna Ediciones zuständig für die Vergabe von Rechten: Irina. C. Salabert, irina@nocturnaediciones.com).

Übersetzungsprobe aus dem Spanischen von © Eva Srna

Die Zeichnungen (Los dibujos, S. 27-29)

Jetzt soll er wieder zeichnen. Juan Camilo mag nicht zeichnen, aber der Psychologe lässt nicht locker. Und so malt er lustlos einige Tiere hin, die man nicht erkennen kann. Und weil der Arzt will, dass er auch Menschen malt, nimmt er noch ein paar leere Blätter und zeichnet rasch irgendwelche Leute, niemand Bestimmten.

„Die haben aber alle sehr kleine Köpfe“, sagt der Arzt und zeigt mit dem Finger darauf, „siehst du?“

Juan Camilo sieht nur die großen Körper.

Jetzt will der Arzt wissen, warum die Köpfe so klein sind und die Augen und Münder nur winzige Punkte. Juan Camilo nimmt die Tafel, schreibt „weiß ich nicht“ darauf und hält sie dem Mann zum Lesen hin, der, anders als die Figuren auf den Zeichnungen, einen schmalen Körper hat.

„Aber was werden diese Leute wohl denken, mit so kleinen Köpfen?“, fragt er ihn jetzt lächelnd. „Weißt du, was sie denken, Juan?“

In dieser Stadt nennen ihn nur seine Mutter und seine kolumbianischen Freunde Juan Camilo, alle anderen nur Juan. Er weiß noch nicht recht, welcher Name ihm besser gefällt. Juan Camilo weckt Erinnerungen in ihm, Juan nicht, für echte Erinnerungen ist dieser Name noch zu neu. Aber wenn er sich für Juan entscheiden würde, könnte er das seiner Mutter und seinen Freunden nicht sagen. Schweigen ist besser.

Und so schreibt er: „Ich weiß nicht, was sie denken“ auf die Tafel.

„Die meisten Kinder zeichnen sehr gern, du anscheinend nicht.“

Er ist klein, das sieht er an der Größe seiner Schuhe und seiner Kleider, und daran, dass er Mühe hat, die Sachen oben im Schrank zu erreichen oder etwas Schweres zu heben. Er ist klein, aber ob er noch ein Kind ist, weiß er nicht. Vieles, was seine Schulkameraden denken, hat er noch nie gedacht. Oder es ist schon so lange her, dass es ihm vorkommt, als hätte er es noch nie gedacht, jedenfalls sind es jetzt nicht mehr seine Gedanken. Aber das sagt er dem Psychologen nicht, er schreibt nur: „Zeichnen ist schwierig“.

„Warum?“

Weil man Menschen mit Gesten und einem Gesichtsausdruck zeichnen muss, und weil er die Erinnerung an manche Gesten und Gesichtsausdrücke nicht aushält, und die Vorstellung davon noch weniger, aber das sagt er ihm auch nicht. Er könnte zwar die Menschen weglassen und nur Tiere zeichnen. Aber auch das geht nicht, denn die wirklich tollen Tiere, die einzigen, die er gern zeichnen würde, sind die aus seinem Lieblingsbuch … und dieses Buch möchte er jetzt am liebsten aus seinem Kopf löschen.

Dem Arzt schreibt er nichts von all dem, er zuckt nur mit den Schultern, auch wenn er weiß, dass Kinder das tun, wenn sie nicht die Wahrheit sagen wollen.

Am liebsten würde er die Tiere aus seinem Lieblingsbuch alle auf einmal löschen, aber das geht nicht. Sie lassen sich nicht so leicht löschen. Deshalb wird er sie Stück für Stück aus seinem Kopf entfernen, denn sie sind zäh. Wie in einem Film, den er einmal gesehen hat, in dem ein Mann ein großes Loch in eine Wand machen wollte und nur einen Löffel hatte. Genauso wird er mit einem Löffel auf den Tierbildern in seinem Lieblingsbuch herumkratzen und ihnen nach und nach die Haut abschaben. Aber sie sind sehr zäh.

„Schluss für heute“, sagt der Arzt. „Wartet deine Mutter unten auf dich?“

Juan Camilo ist sicher, dass sie auf ihn wartet, weil er das Vibrieren des Handys in seiner Hosentasche gespürt hat, als ihre Nachricht kam. Aber die muss er dem Arzt erst zeigen, damit er ihn gehen lässt: „Schatz, ich warte draußen beim Eingang.“

„Also dann, bis nächste Woche.“


Insekten
(Insectos, S. 81-82)

Insekten sind Klang, man braucht sie nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie da sind. Auch ein Blinder kann sie erkennen. Das Licht im Zimmer war ausgeschaltet, aber Juan Camilo konnte sehen, wie Elías’ Augen umherschwirrten wie Insekten, ganz nahe an seinem Gesicht. Lästige Fliegen, die sich nicht verscheuchen ließen.

Frei lebende Tiere werden nicht von Insekten attackiert, nur solche, die angebunden sind. Er hatte gesehen, wie Pferde in Gefangenschaft von Bremsen gequält wurden. Er war jetzt ebenfalls ein Gefangener, an sein Bett gefesselt, auch wenn Elías ihn nicht berührte. Auch wenn er nur zu ihm sprach, fühlte sich das, was er sagte, wie Seile an, wie Ketten, wie Nägel, die es ihm unmöglich machten, sich zu bewegen.

„Hör gut zu, was ich dir sage, denn es ist die Wahrheit. Du weißt, dass ich nicht lüge.“

Er wollte nicht zuhören, hörte es aber doch. Er wollte an etwas anderes denken, an Tiere in der freien Natur, die sich zu wehren wissen. Wilde Löwen und Jaguare und Tiger, an die andere Tiere sich nicht heranwagen, die von Insekten verschont bleiben.

Aber er schaffte es nicht, diese Gedanken festzuhalten; wieder war da das Gesicht von Elías, ganz nah an seinem, und diese rastlosen Augen, dicht an seinem Ohr, umsummten ihn wie dreckige Fliegen, giftige Moskitos, Wespen.

„Du hast nie einen anderen Vater gehabt als mich.“

Schließlich wandte Elías sich ab und schien aus dem Zimmer zu gehen, aber dann kam er zurück, und wie ein wild gewordener Bienenschwarm zischte er ihm ins Ohr:

„Sag deiner Mutter, dass du alles weißt. Sag es ihr, bevor ihr morgen wegfahrt. Sag ihr alles, was ich dir gesagt habe. Ich bin und bleibe dein einziger Vater. Das musst du ihr sagen, noch bevor ihr morgen zum Flughafen fahrt. Hast du mich verstanden?“

Aber einem Bienenschwarm gibt man keine Antwort, sondern man versucht zu fliehen, so schnell man kann. Und stellt sich Tiger vor, ganz frei von Insekten …, Adler, die so hoch fliegen wie niemand sonst …, flinke Affen, die Insekten fangen und fressen …


Maß nehmen
(Tomar medidas, S. 93-95)

Der Körper einer Frau macht keine Angst; das muss Manuela denken, als Irene sie ohne Scheu abzutasten beginnt, wie Blinde eben tasten, um ihr für das festliche Kleid, das sie ihr schenken will, Maß zu nehmen.

„Ein Modell, speziell für dich. Endlich wieder ein neues Modell von mir, nach so langer Zeit …“

„Für Andoni ist es eine besondere Hochzeit, weil die Braut seine Lieblingscousine ist. Und die ganze Familie wird da sein.“

„Dann machen wir es eng in der Taille, damit der Rock schön glockig fällt.“

Irene schaltet das Handy auf Aufnahme, um die Maße zu notieren.

„Schau mir gut zu, wie man das macht, vielleicht kann es dir noch mal nützen.“

Manuela sagt „ja“, ist aber nicht ganz bei der Sache. Sie ist überrascht, dass sie keine Angst verspürt, als Irene mit energischen Bewegungen ihren Körper befühlt, ihr das Maßband anlegt und laut und deutlich die Zahlen ins Handy spricht, die sie ihr ansagt: Gesamtlänge …, Hüftweite …, Taille …

„Für den Ärmel den Arm beugen, schau, so, von der Schulter über den Ellbogen bis zum Handgelenk.“

„Ja.“

Nun legt sie ihr das Maßband um die Brust. Sie spürt die Spannung auf den Brustwarzen … und Irenes Finger.

„Neunzig. Das weiß ich, auch ohne es zu sehen. Aber sag mir, ob es stimmt.“

Statt einer Antwort nimmt Manuela Irenes Hände und drückt sie sich auf die Brüste.

„Der Körper einer Frau macht keine Angst“, spricht sie jetzt auch aus, was sie denkt.

Sie sind sich sehr nah. Sie spürt Irenes Atem und ihren Blick, Augen, die die ihren suchen, als könnten sie sie finden.

„Du bist aus Kolumbien geflohen, stimmt’s?“

„Geflohen ist zu viel gesagt, eher weggegangen, weil ich unzufrieden war …, nein, das trifft es nicht ganz … besser weil ich unbefriedigt war. Ich habe nie wirklich Lust empfunden, ich meine, so eine richtig große Lust … Elías ist der einzige Mann, mit dem ich länger zusammen war, aber mit ihm im Bett war alles immer fast körperlos … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“

„Ich versteh schon.“

„Sonst hätte ich nicht mit ihm zusammenleben können.“ „Und wenn du dich selbst streichelst?“

„Allein kann ich das nicht. Für diese Lust braucht man einen anderen Menschen, da bin ich mir sicher. Und jetzt liebe ich Andoni und würde es gern mit ihm erleben. Aber mir fehlt die Erfahrung, ich muss erst lernen, bestimmte Zärtlichkeiten zuzulassen.“

Manuela lässt Irenes Hände los, aber Irene bewegt sie gerade nur so viel, dass das Maßband zu Boden fällt.

„Zulassen ist zu wenig.“

„Ja, ich weiß … man muss solche Zärtlichkeiten auch wollen.“

„Willst du sie jetzt?“

Manuela zögert mit der Antwort.

„Noch einmal: Willst du sie jetzt? Und glaub nicht, dass ich denke, was ich nicht denke. Ich weiß, was ich tue. Willst du solche Zärtlichkeiten jetzt?“

„Wenn Sie meinen.“

„Manuela, nicht schon wieder das ,Sie‘ … Das ist wirklich nicht der Moment.“

Und sie lächelt, und Manuela muss auch lächeln, dann sagt sie:

„Der Körper einer Frau macht keine Angst.“

„Soll das ,ja‘ heißen?“

„Ja.“

„Dann führ mich mit deiner Hand, wohin du willst.“

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