Diese Anthologie soll zehn bemerkenswerte Kurzgeschichten japanischer Autoren einem breiten Publikum zugänglich machen. Die ausgewählten Werke repräsentieren eine vielfältige Sammlung literarischer Schätze aus der japanischen Kultur:
Kajii Motojirōs Kの昇天或いはKの溺没(Ks Himmelfahrt oder Ks Ertrinken)
Dazai Osamus 走れメロス(Lauf, Melos!)
Akutagawa Ryūnosukes 芋粥(Reisgrütze mit Kartoffeln)
Nakajima Atsushis 山月記(Tiger Mond und Berge)
Kunikida Doppos 窮死(Bettlertod)
Izumi Kyōkas 外科室(Der Operationssaal)
Tanizaki Jun’ichirōs 刺青 (Die Tätowierung)
Miyazawa Kenjis 注文の多い料理店(Das Restaurant der vielen Bestellungen)
Higuchi Ichiyōs 十三夜(Die dreizehnte Nacht) und Mori Ōgais 舞姫(Die Tanzprinzessin).
Einige dieser Geschichten sind in der klassischen japanischen Literatursprache (Bungo) verfasst, was die Übersetzung zu einer besonderen Herausforderung macht. Die deutsche Übersetzung soll die Schönheit und Tiefe dieser Werke in einer zugänglichen Form präsentieren.
Die ausgewählten Autoren sind angesehene Größen in der japanischen Literatur und haben weltweit Anerkennung gefunden. In einer Zeit, in der das Interesse an der japanischen Kultur und Literatur ständig wächst, sehen wir einen wachsenden Bedarf an hochwertigen Übersetzungen und Editionen dieser Werke.
International hat sich insbesondere Akutagawa Ryūnosuke als bedeutender Autor im Bereich der Kurzgeschichten etabliert. Dennoch dürfen wir nicht die Vielfalt und den Reichtum der Werke seiner Zeitgenossen und Nachfolger übersehen. Die Tatsache, dass immer mehr japanische Kurzgeschichten, speziell für japanischlernende Leser·innen, veröffentlicht werden, deutet darauf hin, dass ein Markt für diese Literatur existiert.
Ein interessanter Aspekt ist auch die Beliebtheit von Manga und Anime wie „Bungo Stray Dogs”, in dem namhafte Schriftsteller·innen (Mark Twain, Edgar Allan Poe, Fyodor Dostoevsky, Dazai Osamu etc.) in fiktive Mystery-Geschichten eingebunden werden, und der alle von mir vorgeschlagenen Autoren beinhaltet. Diese Serie hat sowohl in Japan als auch international eine große Fangemeinde insbesondere unter jüngeren Leser·innen gefunden und wachsendes Interesse an den darin vorkommenden Schriftsteller·innen und deren Werken geweckt.
Die ausgewählten Werke sind nicht nur repräsentativ für die Autoren, sondern auch für ihre jeweilige Zeit, und sie werden zu Recht als Meisterwerke der japanischen Literatur angesehen.
Es ist wichtig zu betonen, dass alle vorgeschlagenen Werke bereits gemeinfrei sind.
Kontakt: Alexander Baumhackl (Pseudonym Alexander Specht), baumhackl.alex@gmail.com
Übersetzungsprobe aus dem Japanischen von © Alexander Baumhackl
Nakajima Atsushi: Tiger, Mond und Berge
In den letzten Jahren der Tianbao-Ära lebte ein Mann namens Li Zheng aus Longxi. Er war gelehrig, talentiert und intelligent und schaffte es schon in jungen Jahren, seinen Namen auf die Anschlagtafel des Staatsexamens zu setzen. Daraufhin assistierte er einem Beamten in Jiangnan. Li Zheng war jedoch ein engherziger und selbstgefälliger Mensch und wollte sich nicht damit begnügen, ein niedriger Beamter zu sein. Kurz nachdem er von seinem Amt zurückgetreten war, kehrte er in seine Heimat zurück und wurde dort sesshaft. Er löste sich von anderen Menschen und widmete sich mit ganzem Herzen der Dichtkunst. Anstatt ein niedriger Beamter zu bleiben und für lange Zeit vor den vulgären hohen Beamten zu kriechen, entschied sich Li Zheng dafür, als Künstler seinen Namen für Hunderte von Jahren zu verewigen. Das Streben nach schriftstellerischem Ruhm war für Li Zheng jedoch kein einfacher Weg, und das Leben wurde Tag für Tag mühsamer. Schließlich wurde Li Zheng von Unruhe geplagt. Er wirkte hart, abgemagert, seine Knochen stachen hervor und nur sein Scharfblick funkelte noch vergebens und erinnerte an die vergangenen Tage des bestandenen Staatsexamens, als seine Pausbacken-jüngliche Züge nichts zu wünschen übrigließen. Nach einigen Jahren unaufhörlicher, bitterer Armut gab Li Zheng, um für Nahrung und Kleidung von Frau und Kind aufzukommen, seinen Wunsch auf und begab sich wieder gen Osten, um sich der Arbeit eines Provinzialverwaltungsbeamten zu widmen.
Doch nicht nur seine prekären Umstände, sondern auch sein verzweifeln am poetischen Werk waren ausschlaggebend. Seine ehemaligen Kollegen bekleideten bereits überaus hohe Ränge. Wie sehr der Stolz des einst begabten Li Zheng verletzt wurde, als er sich vor dieser Gruppe von Einfallspinseln, denen er früher keine Beachtung geschenkt hatte, verbeugen musste, dürfte wohl einleuchtend sein. Verdrießlich wie er war, konnte Li Zheng sich an nichts mehr erfreuen, sodass es immer schwieriger wurde, seine unmoralischen und unlogischen Anfälle zu unterdrücken. Nach einem Jahr trat er eine Dienstreise an und begab sich zuletzt in die Gegend des Rushui. Dort überkam ihn der Wahnsinn. Eines Mitternachts änderten sich schlagartig seine Gesichtszüge. Als er versuchte sich aus dem Bett zu erheben, sprang er, Unverständliches von sich gebend, hinunter und lief in die Finsternis. Er kehrte nie zurück. Selbst wenn man die umliegenden Berge und Täler durchsucht hätte, hätte man nicht die geringste Spur gefunden. Niemand wusste, was aus Li Zheng danach geworden war.
Auf kaiserlichen Befehl hin begab sich im folgenden Jahr ein staatlicher Censor namens Yuan Can aus Chen auf Botengang nach Lingnan. Auf dem Weg dorthin kehrte er in Shangyu ein. Am nächsten Morgen, als es immer noch finster war und Yuan Can gerade aufbrechen wollte, informierte ihn der Zollwart, dass Reisende nur am helllichten Tag passieren, durften, da es einen menschenfressenden Tiger auf dem Weg gab. Es sei noch zu früh und es wäre besser, noch ein wenig zu warten, erklärte der Zollwart. Jedoch schenkte Yuan Can seinen Worten kein Gehör, vertraute auf sein zahlreiches Gefolge und brach auf. Gerade als er mit Hilfe des verbleibenden Mondlichtes die Wiesen des Wäldchens passiert hatte, sprang tatsächlich ein wilder Tiger aus dem Dickicht hervor. Der Tiger sprang Yuan Can an, drehte sich aber plötzlich um und verschwand wieder im Gebüsch. Aus dem Dickicht konnte man mehrmals eine menschliche Stimme hören, die flüsterte: „Das war knapp“. „Jene Stimme, ist das nicht mein alter Freund Li Zheng?“ Yuan Can hatte im selben Jahr wie Li Zheng das Staatsexamen absolviert und war der engste Freund des sonst so freundearmen Li Zheng gewesen. Der Grund ihrer Freundschaft lag sicherlich am sanften Charakter Yuan Cans, der sich nicht an dem ernst-hochmütigen Wesen Li Zhengs rieb.
Das Dickicht ließ ein Weilchen auf seine Antwort warten. Nur gelegentlich sickerte eine schwache, möglicherweise schluchzende Stimme durch. Nach einiger Zeit antwortete die leise Stimme: „Wahrlich, ich bin Li Zheng aus Longxi.“ Yuan Can vergaß seine Furcht, stieg von seinem Pferd, näherte sich dem Dickicht und füllte wehmütig die Lücken seit ihrer letzten Begegnung. Darauf fragte er ihn, weshalb er nicht aus dem Dickicht käme. Li Zheng antwortete: „Ich verweile nicht mehr in der Gestalt eines Menschen. Wie könnte ich auch schamlos meine abscheuliche Gestalt vor einem alten Freund zeigen? Darüber hinaus steht fest, das wenn ich meine Gestalt zum Vorschein brächte, in dir bestimmt Gefühle der Abscheu und Furcht aufbrausen würden. Jedoch, nun, da ich einem alten Freund unerwartet über den Weg gelaufen bin, ist mir der Moment so teuer, dass ich jegliche Schamesröte vergesse. Ich bitte dich, wenn auch nur für ein Weilchen, sorge dich nicht um meine derzeitige hässlich-böse Form und rede mit mir wie mit deinem einstigen Freund Li Zheng.“
Im Nachhinein betrachtet war es seltsam, aber damals nahm Yuan Can diese übernatürliche Mysteriösität gar ohne Widerstand an und wunderte sich kein bisschen. Er veranlasste seine Untergebenen, das Voranschreiten des Zuges anzuhalten. Er stand neben dem Dickicht und führte mit der unsichtbaren Stimme ein Gespräch über Hauptstadtgerüchte, Lebenszeichen alter Freunde, Yuan Cans jetzige Position und Li Zhengs Glückwünsche zur erlangten Position. Die beiden engen Kameraden aus Jugendzeiten unterhielten sich ohne Rückhalt und nachdem sie dies und jenes besprochen hatten, fragte Yuan Can Li Zheng, wie er zu seinem jetzigen Körper gekommen war. Die Stimme aus dem Dickicht sprach wie folgt:
„Vor etwa einem Jahr, in der Nacht, als ich in der Gegend des Rushui übernachtete, erwachte ich plötzlich aus einem Nickerchen, als jemand von draußen meinen Namen rief. Ich trat hinaus, wo die Stimme mir unaufhörlich aus der Finsternis zurief. Unwillkürlich rannte ich der Stimme hinterher. Während ich in einem Geisteszustand der Selbstvergessenheit der Stimme nachrannte, führte der Weg unbemerkt durch Wald und Berg, und ich rannte bereits mit linker und rechter Hand den Boden ergreifend umher. Mit Leichtigkeit sprang ich mit meinem vor Kraft strotzendem Körper über die Felsen. Als ich wieder zu mir kam, waren meine Fingerspitzen und Oberarme mit Fell bedeckt. Nachdem es ein wenig heller geworden war, blickte ich auf den Gebirgsfluss und spiegelte mich im Wasser. Ich hatte mich bereits in einen Tiger verwandelt. Anfangs konnte ich meinen Augen kaum trauen. Ich dachte, es müsse ein Traum sein, denn ich hatte bereits Träume gehabt, in denen mir klar war, dass ich träumte. Als ich feststellen musste, dass es kein Traum war, war ich fassungslos und angsterfüllt. Wahrlich, der Gedanke, dass alles möglich war, erfüllte mich mit tiefer Angst. Aber wie konnte es dazu kommen? Unverständlich. Unsereins kann das ganz und gar nicht begreifen. Ohne den Grund zu verstehen, nehmen wir Aufgebürdetes gehorsam an. Das Schicksal von uns Lebewesen ist es, ohne den Grund zu verstehen, weiterzuleben. Ich dachte sofort an den Tod. Aber als ich einen Hasen vor meinen Augen vorbeihechten sah, verschwand auf der Stelle alles Menschliche in mir. Als das Menschliche in mir wieder die Augen öffnete, war mein Mund mit Hasenblut beschmiert und um mich herum lag lauter Hasenfell verstreut. Das war meine erste Erfahrung als Tiger. Es ist mir ganz und gar unmöglich, in Worte zu fassen, welche Akte ich seitdem vollziehen musste. Unweigerlich kehrt mein menschliches Gemüt für ein paar Stunden zurück. In jenen Stunden bin ich wieder, wie in früheren Tagen, der menschlichen Sprache Herr, komplexen Gedankengängen gewachsen und sogar in der Lage Passagen klassischer Werke zu zitieren. Das Erbärmlichste, Furchteinflößendste und Ärgerlichste ist es, mit jenem menschlichen Gemüt die Reste meiner grausamen Handlungen als Tiger zu sehen und über mein eigenes Schicksal nachzudenken. Jedoch werden die paar menschlichen Augenblicke von Tag zu Tag kürzer. Obwohl ich noch heute darüber verblüfft bin, dass ich mich in einen Tiger verwandelt habe, bin ich erst kürzlich mit dem Gedanken konfrontiert worden, weshalb ich zuvor überhaupt ein Mensch war. Das ist etwas gar Furchteinflößendes. Nach einer Weile wird vermutlich mein menschliches Herz vollständig von den tierischen Instinkten begraben und verschwinden, ähnlich wie die Grundsteine einer alten Burg nach und nach durch Gras und Erde in Vergessenheit geraten. Letztendlich werde ich meine Vergangenheit vergessen und als Tiger verrückt herumstreifen. Wenn ich dir dann, wie heute auf dem Weg begegne, werde ich nicht in der Lage sein, dich als Freund wiederzuerkennen, sondern dich ohne jegliche Reue in Stücke zerreißen und fressen. Ursprünglich müssen wir weder Tier noch Mensch gewesen sein, sondern etwas anderes. Anfangs erinnert man sich daran, vergisst es aber nach und nach und glaubt, dass man schon von Beginn an jene Form bewohnte. Aber das ist belanglos. Vermutlich werde ich, wenn mein menschliches Gemüt gänzlich verschwunden ist, glücklicher sein. Trotzdem hat der Mensch in mir davor mehr Angst als vor allem anderen. Oh, wahrlich, wie fürchterlich, traurig und schmerzvoll das doch ist! Zu vergessen, dass man einst Mensch war. Keiner kann dieses Gefühl verstehen. Keiner kann es. Es sei denn, er war in der gleichen Lage wie ich. Übrigens, da fällt mir gerade ein: Es gibt da etwas, um das ich dich gerne bitten würde, bevor ich aufhöre, Mensch zu sein.“
Yuan Cans vorderstes Gefolge hielt den Atem und lauschte den wundersamen Ereignissen, welche die Stimme im Dickicht erzählte. Die Stimme fuhr fort.
„Die Sache ist die… Ursprünglich beabsichtigte ich, mir einen Namen als Dichter zu machen. Ohne mein Ziel erreicht zu haben, widerfuhr mir dieses Schicksal. Hunderte meiner Gedichte, die ich einst schrieb, sind selbstverständlich noch nicht in der Welt angekommen. Der Aufenthalt der Manuskripte ist wohl längst nicht mehr bekannt. Es gibt übrigens Dutzende, die ich noch heute rezitieren kann. (…)
Alexander Baumhackl wurde am 3. Mai 1994 in Dornbirn, Österreich, geboren. Schon in jungen Jahren entwickelte er eine leidenschaftliche Beziehung zur Schrift, Sprache und Mythologie. Als zweisprachig aufgewachsener Mensch (Deutsch und Spanisch) entschloss er sich, seine Liebe zur Sprache und zur geschriebenen Kunst zu vertiefen. Im Jahr 2013 begann er sein Studium, das Lehramt für Englisch und Spanisch sowie Japanologie an der Universität Wien. Der Stadt ist er bis heute treu geblieben.
Während seines Masterstudiums der Japanologie im Jahr 2019 verbrachte er ein aufregendes Auslandsjahr an der Yokohama City University in Japan. Nach seiner Rückkehr aus Japan widmete er sich dem Studium der Transkulturellen Übersetzung (Deutsch-Japanisch) an der Universität Wien.
Alexander ist ein vielseitig interessierter Mensch, dessen Interessen Psychologie, Geschichte, Religion, Philosophie, Kunst, Sprachen und insbesondere die europäische und ostasiatische Kultur umfassen. Im Jahr 2019 begann er gemeinsam mit einem Kommilitonen Manga zu übersetzen, obwohl er sich stärker zur Prosa hingezogen fühlt. Er ist ein Wortkünstler, der seine Liebe zu Kulturen, zur Sprache, und zur Welt der Literatur in vielerlei Hinsicht ausdrückt und vertieft.
Veröffentlichte Übersetzungen aus dem Japanischen:
- Nekotofu: Ab sofort Schwester! (Band 1-6)
- Chilt: Die Weißmagierin Syrup (Band 1-3)
- Kento Kawazu: Partymonster
- Nakajima Atsushi: Tiger, Mond und Berge
- Kajii Motojirō: Bildrolle der Finsternis
