Zum Inhalt
Dušan Šarotar behandelt in seinem Roman Zvezdna karta (dt. Die Sternkarte) die Deportation der slowenischen Jüdinnen und Juden in Prekmurje zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Erzählt wird die Geschichte von Roža Hahn aus Bodonce, die nicht gut mit Worten umgehen kann, und Franjo Schwarz, einem Kaufmann aus Čakovec, der noch weniger spricht. Roža und Franjo heiraten am 12. Oktober 1932 in der Synagoge von Murska Sobota, bald darauf wird ihr einziger Sohn Evgen geboren. Am 26. April 1944 werden alle Jüdinnen und Juden aus Murska Sobota fortgebracht, Mitte Mai holt man auch Roža und ihren Sohn Evgen, und Anfang Juli werden sie und andere nach Auschwitz-Birkenau deportiert, woher niemand zurückkehrt. Franjo wird gezwungen, in Ungarn zu arbeiten und überlebt – im Gegensatz zu seiner Frau und seinem Sohn. Die Geschichte ihres bitteren Lebens wird von der Bediensteten Žalna erzählt, und Šarotar schreibt sie in ausgewählten, präzisen, aus dem Gedächtnis geschnitzten Worten auf. Es ist eine Geschichte über gute Menschen, die nicht mehr sind und deshalb nur in Worten und Gegenständen weiterleben können, und es ist auch eine Geschichte über die ewig melancholische pannonische Landschaft zwischen Šalovci, Čakovec und Sobota, in der die Geschichte und ihr Verbrechen eine schreckliche Wunde hinterlassen haben. Es ist eine Geschichte, die Dušan Šarotar laut Eigenaussauge nie aufhören wird zu schreiben, handelt es sich doch um die Geschichte seines Großvaters, der nach dem Krieg eine neue Familie gründete. Dušan Šarotar selbst sagt über den Roman Zvezdna karta, dass er ihn schreiben musste, denn wäre die erste Familie seines Großvaters und damit der kleine Sohn Evgen nicht ermordet worden, hätte es ihn, Šarotar, nie gegeben. Daher sah er es als seine Pflicht, diese wichtige Geschichte aufzuschreiben und den Menschen näherzubringen.
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Zum Autor
Dušan Šarotar (Murska Sobota, 1968) ist Schriftsteller, Dichter, Drehbuchautor und Fotograf. Er studierte Soziologie und Philosophie an der Universität von Ljubljana. Viele Jahre lang war er Mitglied der Redaktion der Sammlung Beletrina und Redakteur der Zeitung AirBeletrina. Seit 2000 ist er als freier Schriftsteller tätig. Er ist Autor zahlreicher Drehbücher für Dokumentar- und Spielfilme sowie von Porträts slowenischer Künstler und schreibt auch für Kinder- und Puppentheater. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Maribor 2012 wurde eine Ausstellung seiner Fotografien mit dem Titel Duše (dt. Seelen) in der Synagoge von Maribor gezeigt. Seine Gedichte und Prosa wurden in mehreren nationalen und internationalen Anthologien veröffentlicht und in viele Sprachen übersetzt. Das Schicksal der jüdischen Gemeinde und der Holocaust in Murska Sobota und der weiteren Region Prekmurje sind die zentralen Themen seiner jüngsten Romane, Novellen und Gedichte. Sein Roman Panorama ist 2023 auf Deutsch erschienen.
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Warum soll genau dieser Roman ins Deutsche übersetzt werden?
Die Geschichte der Jüdinnen und Juden im slowenischen Prekmurje wird von der Geschichtsschreibung bis heute eher stiefmütterlich behandelt, weshalb die Übersetzung dieses Romans ins Deutsche einen wichtigen Beitrag zur (Bewusstseins-)Bildung beitragen würde. Der historische Hintergrund wird nicht auf belehrende Weise nähergebracht, sondern sehr persönlich, ohne dabei allerdings rührselig oder kitschig zu werden. Mit seiner poetischen und doch so treffsicheren Sprache schafft es Šarotar, Stimmungsbilder zu erzeugen, die bei Leserinnen und Lesern noch lange nachklingen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Übersetzungsprobe aus dem Slowenischen von © Metka Wakounig
Dušan Šarotar: Die Sternkarte
Er kündigte seine Dienstreise nach Zagreb nicht an. Üblicherweise setzte er uns von längeren Reisen schon eine Woche früher in Kenntnis, damit wir uns zu Hause in Ruhe darauf einstellen konnten, Roža führte den Laden, vor allem den Kleinverkauf. Wenn Franc nicht da war, fertigten wir keine Eisenwaren und kein Baumaterial über den Bahnweg ab. Bevor er abreiste, versuchte ich immer noch alles Nötige im Haus zu erledigen, in erster Linie waren wir alle zusammen im Außeneinsatz, ich holte Hilfe, damit zu Hause nicht alles liegen blieb.
Am Abend vor der Abreise stieg ich auf den Schemel und zog einen passenden Koffer vom Schrank, den kleineren aus Leinen, wenn er nur ein paar Nächte fortbleiben sollte, oder den größeren aus Leder für längere Reisen; den großen, schweren Holzkoffer, der unter dem Bett verstaut war, nahm er nur in Ausnahmefällen, ich kann mich erinnern, dass ich ihn nur ganz selten gepackt habe. Es war ein amerikanischer Koffer aus Massivholz, die Ecken waren mit Blech verstärkt, außen war er mit beigem Leder und Leinen verkleidet, innen mit dunkelrotem, fein gemustertem Stoff. Er hatte ihn einem Emigranten abgekauft, der damit aus Amerika zurück nach Hause gekommen war und ihn bei der Ankunft in Murska Sobota sofort veräußert hatte, um sich eine Fahrkarte für die verbleibende Strecke zu kaufen und eine Kleinigkeit im Gasthaus zu essen, letztendlich war ihm sogar noch etwas übrig geblieben, wahrscheinlich wollte er nie wieder über den Atlantik reisen. Der Koffer sah aus wie neu, der Mann war schließlich nur einmal damit auf dem Schiff gewesen, ich weiß nicht, wo Franc diesen Ankömmling getroffen hat, vor dem Krieg gab es so viele von ihnen, sie kamen aus dem gelobten Land, meistens niedergeschlagen, krank und enttäuscht, nur wenigen war es gelungen, ein paar Dollar mitzubringen, um das windschiefe Dach zu decken, ein kleines Gewerbe aufzubauen, eine Schmiede, ein Sägewerk, eine Fleischerei oder Näherei, etwas, das sie in Amerika gelernt hatten, manche bestellten bei den Steinmetzen für ihre verstorbenen Verwandten und auch für sich selbst umgehend mehrere neue Steinkreuze in der besseren, hellen Ecke des Friedhofs, am Hang, unter der Linde oder bei der Kapelle. Was ihnen jedoch tatsächlich blieb, waren üblicherweise die großen Koffer, beklebt mit Werbematerial und Etiketten der Schifffahrtsunternehmen, mit denen sie angereist waren, als einzige Wertsache und Erinnerungsstück. In diesen Koffern bewahrten sie anschließend noch längere Zeit Leinen, Bettwäsche und die modischen Anzüge mit breitem Revers und Doppelknopfleisten auf, in denen sie zurückgekehrt waren, auch wir verstauten unsere sauberen Sachen darin, jedes Mal, wenn sich Roža unters Bett bückte und nach dem großen glatten Henkel griff und den Koffer mit Mühe über den gebohnerten Boden zog, um ihn ans Licht zu zerren und die frische Wäsche hineinzulegen, die weiße Sonntagstischdecke, oder um ihre Seidenbluse herauszunehmen, dachte sie bestimmt an ihre Hochzeit in Sobota, denn Franc hatte ihn kurz darauf gekauft, vielleicht kommt er ja gerade recht für die Hochzeitsreise, hatte er gesagt, wir fahren, sobald du dir eine Route ausgesucht hast. Roža seufzte nur und sagte, während sie vor dem offenen Koffer kniete, wie schwer er sei, vielleicht bedauerte sie, dass sie und ihr Mann niemals gemeinsam verreist waren. Sie hatten die Reise zuerst wegen der Schwangerschaft verschieben müssen, und später zauderten sie aus den unterschiedlichsten Gründen, vor allem Roža, glaube ich. Jedenfalls packte ich den Koffer zum ersten Mal, als Franc zu einer langen Reise nach Deutschland aufbrach, damals sah ich ihn mir auch ganz genau an, er war wirklich schön und etwas Besonderes, so etwas bekam man auf unserem kleinen Bahnhof in Šalovci nicht zu sehen, höchstens in einem Katalog in der Boutique in Sobota, aber dorthin ging ich nie. Und später vielleicht auch noch einmal, Franc reiste mit dem Schiff ans Meer, lass mich nachdenken, sagte Žalna.
Roža war gezwungen, den amerikanischen Koffer zum letzten Mal ganz allein zu packen, als man sie und das Kind für immer fortbrachte.
Er wählte den Ledernen, ich wusste sofort, dass er länger als nur ein paar Tage unterwegs sein würde. Ich wischte ihn ab, lüftete ihn durch und legte die Hemden und die Wäsche, die er mitnehmen wollte, aufs Bett. Er bereitete sein Gepäck vor, bevor er zu Bett ging, manchmal auch kurz vor der Abreise, wenn er bis zur letzten Minute die Bücher kontrollierte, sich alle wichtigen Angelegenheiten notierte, die Roža und ich erledigen oder zumindest aufmerksam beobachten mussten. Er schrieb Briefe und kurze Nachrichten, die Roža am nächsten Tag zur Post brachte und als Einschreiben oder Telegramm verschickte. Den Leuten, mit denen er sich zu treffen beabsichtigte, Kaufmännern, Bankbeamten, Finanzbeamten und der Zollbehörde, schickte er seine Visitenkarte mit der Bitte um ein Treffen oder mit einer freundlichen Ankündigung, dass er unter Umständen bald an der betreffenden Adresse vorsprechen werde. Auf die Rückseite der Visitenkarte schrieb er in feiner und gut leserlicher Schrift das Datum, wünschte dem werten Adressaten und seiner geschätzten Familie alles Gute, schloss mit herzlichen Grüßen und fügte Ort und Unterschrift hinzu. Er benutzte mehrere unterschiedliche Schreibstifte, einen gewöhnlichen Bleistift für kleine Merkzettel, die überall herumlagen, in Schubladen, auf Fensterbrettern, unter dem Küchentisch, auf der Veranda, im Geschäft, der Wind trug sie zum Bahnhof, ich fand sogar welche im Schlafzimmer. Mit einem Tischlerbleistift markierte er die Ware, kritzelte aufs Arbeitspult, zeichnete und markierte Langholz, Bretter, Balken, die er mit dem Zug verfrachtete. Für privaten und beruflichen Briefverkehr benutzte er ausschließlich einen Füllhalter mit goldener Feder und schwarzer Tinte. Schreibzeug und Rauchzubehör bewahrte er in der großen unteren Schublade seines Schreibtisches auf, der am Fenster im Flur stand. Bevor er außer Haus ging, zur Arbeit, um Besorgungen zu machen oder auf Reisen, zog er sein Jackett an und füllte die Taschen, steckte die Bleistifte in die obere äußere, Pfeife, Tabak und Zigaretten in die linke und ein kleines Notizheft mit Bestellungen, Namen und täglichen Pflichten in die rechte. Das große schwarze Portemonnaie, in dem er immer ein paar kleinere Banknoten und Münzen bei sich trug, stopfte er in die rechte hintere Hosentasche, um es immer griffbereit zu haben.
Das Portemonnaie öffnete sich wie ein Akkordeon; wenn er es im Licht zusammenlegte und auseinanderzog, schimmerte in seinen Augen ein wertvoller Schatz. In den gesteppten Fächern, den großen und kleinen, sichtbaren und geheimen, sammelte er sorgfältig und gewissenhaft wertvolle und auch weniger wertvolle Erinnerungen, verstreut und vergraben zwischen zerknüllten Papieren trug er sie immer bei sich, er wollte nie etwas wegwerfen. Er füllte Schubladen mit kleinen Spuren seines Lebens, sammelte alte Rechnungen, vergessene Namen und Adressen, Zeitungsschnipsel, Reklamen, Visitenkarten, Einkaufslisten, unbrauchbare Banknoten und ausländisches Kleingeld, Fahrscheine, Gebrauchsanweisungen, Telegramme, die Zeichnungen seines Sohnes, getrocknete Blumen und Steinchen von unterwegs. Das Portemonnaie war alt und abgewetzt, das Leder weich und schon ganz dünn, glatt, ausgebleicht an den Rändern, die Nähte platzten, doch er wollte sich nicht davon trennen. Ich hatte öfter versucht, die Ränder zu verstärken und die Innenfächer zu flicken, die schon ganz zerrissen waren, weil er darin zu viele Dinge verstaute, sammelte und aufbewahrte.
Gelegentlich, üblicherweise vor einer längeren Reise, zog er das Tischtuch vom Küchentisch und verteilte langsam den Inhalt des Portemonnaies darauf. Wir staunten nicht schlecht, wie viel und was er alles daraus hervorzog, wie ein Zauberer aus seinem Hut. Evgen war begeistert, Roža schwieg und rollte heimlich mit den Augen, ich mischte mich nicht ein, am Ende räumte ich nur den Müll vom Tisch. Was er doch auszusortieren beschlossen hatte, wenn auch unschlüssig und mit zitternder Hand, zerknüllte ich und warf es in den Ofen. Er wischte das leere Portemonnaie sauber, blies Staub und vertrocknete Tabakreste fort, er bewahrte die eine oder andere Prise Tabak oder eine halbe Zigarette in einem kleinen Fach auf, für den Ernstfall, und dann schlichtete und räumte er das Kleinzeug wieder ein. Personalpapiere, Visitenkarten von Kunden, Abnehmern, Banken und Sparkassen schob er in das mittlere Fach. Die kleineren kolorierten Visitenkarten von Hotels, in denen er übernachtet hatte, zeigte er immer wieder der ganzen Familie, er erzählte von Zimmern über stark befahrenen und lauten Straßen, in denen er nur mit Mühe einschlief, von Gaststätten an Seen und Flüssen, in denen er köstlichen Fisch speiste, von schmutzigen und kleinen Zimmern an Bahnhöfen, in denen er Unterschlupf fand, wenn er mehrmals umsteigen musste. Es kam nämlich häufig vor, dass der Zug aufgrund einer Verspätung oder eines Defekts nicht pünktlich im Bahnhof einfuhr und er, obwohl er eine Reservierung hatte, somit den nächsten in seine Richtung nehmen musste, was bedeutete, dass er bis zum darauffolgenden Morgen oder sogar Nachmittag warten musste. Von seinen Reisen erzählte er ganz besonders anschaulich, ich weiß noch, dass Roža und mich die Angst, das Grauen packte, wenn er von den Scherereien und Gefahren von unterwegs berichtete, als wollte er uns vor Taschendieben, Obdachlosen, Bettlern und blinden Passagieren warnen, wie auch vor vermeintlich gelehrten und gepflegten Damen und Herren, die, wenn man sie nur flüchtig am Bahnhof, im Wartebereich, im Coupé oder im Speisewagen sah, mit ihrer Ausdrucksweise und ihrem Auftreten einen vertrauenswürdigen Eindruck hinterließen, im nächsten Augenblick aber, wenn man wider Willen gezwungen war, während der Fahrt die Sitzbank oder sogar eine enge Kabine im Schlafwagen miteinander zu teilen, zeigten diese hinterhältigen Leute ihr wahres Gesicht. Roža war angesichts dieser finsteren Geschichten sprachlos und bestürzt, zugleich aber blühte sie irgendwo tief im Inneren auf, sie war völlig berauscht, fiebrig, auffallend vergnügt und verzückt, ihre Augen leuchteten, als hätte sie sich zur Gänze in die Erzählung hineinversetzt, aber ich weiß, sagte Žalna, dass Franc mit seinen Beschreibungen und Erlebnissen bestimmt übertrieben hat. Er malte, wie Roža und Evgen es hören wollten, und sprach, wie sie es sehen wollten. Wenn ich später im Dunkeln und allein das Erzählte rekapitulierte, hatte ich oft das Gefühl, dass er immer darauf bedacht war, etwas vor ihnen zu verbergen. Er wollte Frau und Kind mit allen Mitteln vor allem Gewöhnlichen, Eintönigen und Langweiligen bewahren, wollte ihnen das Gefühl von Einsamkeit, Krankheit, Verlorenheit und vor allem unfassbarer Traurigkeit ersparen, die sein einziger treuer Begleiter auf Reisen war. In Anwesenheit seines Sohnes übertrieb er immer ein wenig, verbog die Wahrheit zu schönen Worten, schmückte sie mit Atmosphäre aus. Seine Reisen waren sonnenbeschienen, er saß am Fenster und beobachtete den Regen, der still und langsam auf die fremde Landschaft fiel. Sie öffnete sich, hob und senkte sich ins Dunkel, der Schnee tauchte die hell erleuchteten Straßen und Plätze in Weiß, die Menschen waren freundlich, er unterhielt sich in zahlreichen Sprachen mit ihnen, manchmal rief er von unterwegs an. Insgeheim erwarteten wir nach einigen Tagen immer seinen unangekündigten Anruf, doch wir sprachen nie darüber, als wollten wir einander nicht beunruhigen. Roža fürchtete immer schlechte Nachrichten, nachts irrte sie wie ein Gespenst durchs Haus, in der tiefen Dunkelheit blickte sie zum Bahnhof, als wartete sie auf einen außerplanmäßigen Sonderzug aus der Ferne, vielleicht kommt er diesmal früher zurück, flüsterte sie mir oft zu, erzählte Žalna, das Kind aber war neugierig und dann auch lästig, schließlich vermisste es seinen Vater auch.
(Original S. 97-105)
Übersetzer·innenverzeichnis: Metka Wakounig
