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Zum Inhalt
Die Essay-Sammlung Surfacing enthält 12 unterschiedliche Essays, in denen die Autorin Beobachtungen und Gedanken mitteilt, die sie bei Reisen und Wanderungen durch ihre Heimat, das schottische Hochland, aber auch bei Besuchen archäologischer Fundstätten in Alaska macht. So lässt sie uns an ihren Beobachtungen an der Ausgrabungsstätte einer alten Ansiedlung der Yup’ik-Indianer in Alaska, die vor 500 Jahren dem Erdboden gleichgemacht wurde, teilhaben. Sie spinnt dabei immer wieder Erinnerungen an ihre persönliche Geschichte in die Texte mit ein: Gedanken an die Krankheit des Ehemanns, den Tod des Vaters, die Kinder, die aus dem Haus gehen. Nie aber ist sie sentimental, sondern stellt mit liebevollem Blick diese Geschehnisse fest, markiert sie, und ordnet sie ohne Wertung in den natürlichen Lebensfluss ein. Alles befindet sich in Veränderung, dabei bezeichnen die gefundenen Elemente der Natur das Ewige, Bleibende und die Wurzeln, die uns alle verbinden. Ihre Essays, genauso wie auch ihre Gedichte, zeigen auf völlig unprätentiöse, aber fein gewebte Weise ihre Liebe, ihre Neugierde und ihr Interesse für das natürliche Leben um sie herum; mit ihrem klaren und präzisen Blick erschafft sie eine Verbindung zwischen dem, was sie sieht und erlebt, und der Vergangenheit und Geschichte sowohl der Menschen in der Natur wie auch der natürlichen Phänomene selbst.
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Zur Autorin
Kathleen Jamie, geb. 1963 in Renfrewshire, Schottland, ist eine Lyrikerin und Essayistin und hat viele Jahre Creative Writing an den Universitäten von Stirling und St. Andrews in Schottland unterrichtet. Sie schreibt auf Englisch, gelegentlich auch auf Scots. Zu ihren Themen gehören die schottische Landschaft und Kultur, Archäologie in Schottland, Frauenfragen, Reisen, vor allem aber sehr sorgsam zusammengestellte Naturbeschreibungen und -beobachtungen. Sie gehört zu den ersten Vertreter_innen eines „Nature Writing“, ohne dass sie sich je wirklich einordnen ließ; vielmehr ist sie auch innerhalb dieses Genres immer ihren sehr eigenen Weg gegangen. Sie hat 12 Gedichtbände sowie mehrere Essay-Sammlungen veröffentlicht. Zu den Gedichtsammlungen gehören ihre Collected Poems (2018) sowie The Tree House (2004), das mit dem „Forward Poetry Prize” und dem „Scottish Book of the Year Award” ausgezeichnet wurde. Neben anderen Preisen erhielt sie außerdem den „Costa Prize Poetry Award” sowie den „Ness Award”; 2021 wurde sie zum Scots „Makar“ ernannt, eine besondere Auszeichnung für Lyriker_innen in Schottland; sie gehört zu den renommiertesten Lyrikerinnen Großbritanniens. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Prosabände, dabei enthalten nur die drei letzten Bände Surfacing, Findings und Sightlines Beobachtungen ihrer natürlichen Umwelt, die beiden ersten Bände The Golden Peak und The Autonomous Region erzählen von ihren Reisen nach Tibet und Nepal in jüngeren Jahren. Ihr neuestes Buch Cairn, erschienen 2024, enthält eine Sammlung von Prosagedichten, Lyrik und Kurztexten.
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Argumente für eine Übersetzung ins Deutsche
Kathleen Jamies Texte, sowohl ihre Lyrik wie auch ihre Prosa, ragen aus dem Gros des „Nature Writing“ deutlich hervor, weil sie eine sehr eigene, spezifische und klare Sprache spricht. Es geht ihr nicht um die minutiöse Beschreibung von Natur, sondern sie transportiert mit ihren Texten eine philosophische Haltung und Sicht auf die Welt, Natur und Geschichte. Sie schreibt persönlich, aber die Natur ist in ihren Texten nicht einfach nur Projektionsfläche ihrer persönlichen Eindrücke, sondern steht auch immer für sich selbst als etwas ungeheuer Bemerkens- und Schützenswertes. Auf Deutsch ist in meiner Übersetzung (in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Gerold Sedlmayr von der Uni Erlangen-Nürnberg) im Karl Stutz Verlag Passau 2008 der Gedichtband Das Meer-Haus erschienen, das 2020 im Seminar von Frau Prof. Dr. Martin an der Uni Germersheim „Übersetzen von Nature Writing“ besprochen und von ihr empfohlen wurde. Der Band enthält eine englisch-deutsche Zusammenstellung aus Jamies Gedichtbänden bis 2007 und hat 2009 eine Übersetzerprämie des Österreichischen Bundesministeriums für Kunst und Kultur erhalten.
Es ist kaum einzusehen, warum eine derartig versiert und feinsinnig schreibende Autorin nicht ins Deutsche übersetzt werden sollte. Und es gibt bis auf „Das Meer-Haus“, einzelnen Gedichtübersetzungen (u.a. drei Gedichte von C. Saltzwedel) sowie einer frühen Übersetzung (1994!) des ersten Reiseberichts nach Kaschmir KEINE deutsche Übersetzung! Sie fehlt einfach auf dem deutschen Buchmarkt und würde Türen öffnen zu einer genaueren Wahrnehmung der schottischen Kultur und Natur, zu einer liebevollen und feinen Wahrnehmung natürlicher Gegebenheiten und zu einem verstärktem Augenmerk auf den feinen und weniger spektakulären Phänomenen der Natur. Die Übersetzung von Surfaces würde die mit dem Meer-Haus begonnene Übersetzungsarbeit fortsetzen.
Übersetzungsprobe aus dem Englischen von © Dörte Eliass
Kathleen Jamie: Surfacing
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Erstes Kapitel
Die Rentierhöhle
Du suchst Zuflucht in einer Höhle und denkst über die Eiszeit nach. Vor dem Eingang der Höhle: eine Landschaft der West Highlands im Frühling, im frühen Anthropozän. Am Hang gegenüber haben sechs Rentiere ihr Lager im Heidekraut aufgeschlagen. Es regnet, ein milder Highland-Regen, ein Nieseln.
Vor weniger als einer halben Stunde bist du neben dem Bach in einem engen Hohlweg die Schlucht hinauf gewandert. Du hast etwas gehört, hast aufgeblickt und gesehen, wie ein großer Fels erst absprang, dann mehr als 20 Meter vor dir in den Bach fiel. Das Echo verblasste, aber dein Herz hörte nicht auf zu pochen, als du zurückwichst.
Sie nennen diese Höhlen die ‚Knochenhöhlen‘ wegen all der Tierknochen, die darin begraben liegen, von Tieren, die in diesem Land längst ausgestorben sind. Du befindest dich in der ‚Rentierhöhle‘, in der Geweihe statt Knochen entdeckt wurden. Eine Ausgrabung in den 1920er-Jahren brachte Hunderte von Rentier-Geweihen ans Licht, fast alle von Weibchen.
Du sitzt am Eingang der Höhle, schaust in den Regen und denkst über die Eiszeit nach.
Dir fällt auf, dass du keine Ahnung hast. Keine Sorge, sagen die Hügel. Lass dir Zeit.
Das Eis kam und ging wieder, das stimmt doch, oder? Eis bedeckte das Land und ließ das Meer für Tausende von Jahren gefrieren. Nur hin und wieder, alle hunderttausend Jahre oder so, gab es mildere Phasen, in denen es sich zurückzog, sich auf dem Land eine Tundra bildete und Rentiere einwanderten. Gletscher entstanden in den Schluchten oder was zu Schluchten wurde.
Um die Höhlen zu erreichen, bist du einen grasbewachsenen Abhang an die 50 Meter über den Fluss hinaufgeklettert. Du versuchst dir vorzustellen, wie es ist, vor der Höhle den Fuß auf Eis und Moränen zu setzen.
Vor einigen Jahren drangen Höhlentaucher durch einen höher im Moor gelegenen Zugang genau in diesen Hügel ein, durch die Hintertür sozusagen, um ein System unter den Knochenhöhlen zu erkunden.
Der Gedanke, durch Dunkelheit und Gänge und unterirdische Flüsse zu kriechen, lässt dich zittern. Echos und fallende Felsbrocken.
Tief im Innern fanden die Taucher die Knochen eines Bären. Wie das war? Es ist, als würdest du in das Gedächtnis des Hügels selbst vordringen.
Schließlich brachten sie die Knochen vorsichtig an die Oberfläche. Mit der Carbondatierung bestimmten sie rasch ihr Alter. Die Knochen waren fünfundvierzigtausend Jahre alt. Ein langer Schlaf, sogar für einen Bären: sechzehn Millionen Tage und Nächte waren in der oberen Welt vergangen. Ausreichend Zeit, um das Eis zurückkehren und wieder gehen zu lassen, bis es in einem letzten Durchlauf noch einmal da war und dann für immer verschwand – oder zumindest für den Augenblick.
Die Höhlenmündung, die der Bär benutzt haben musste, wurde seitdem von den felsigen Überresten jenes letzten Eingriffes des Eises blockiert, der vor zehntausend Jahren endete und das Land entstehen ließ, das wir kennen.
Zehntausend Jahre – im großen Lebensplan der Dinge durchleben wir gerade ein warmes, verlängertes Wochenende.
Warm und immer wärmer.
Die Geweihe jedenfalls wurden lange vor der Verfügbarkeit der Carbondatierung gefunden. Damals stellten wir alle, in Schottland und anderswo, aufgeregte Spekulationen an! Hatte es hier vielleicht Menschen aus dem Paläolithikum gegeben, die diese Geweihe gesammelt und in einer Höhle aufbewahrt hatten?
Aber dafür gibt es keinen Beweis. Weibliche Rentiere, Karibus, warfen ihre Geweihe oben in den Kälbergebieten ganz natürlich ab, und einige Geweihe waren offenbar auf den Gletscher gefallen, um den Berg hinuntergetragen und durch Schmelzwasser in den Höhleneingang gespült zu werden, wo sie gebührend begraben wurden. So wird vermutet.
Die Geweihsammlung wird im Archiv des National Museum of Scotland aufbewahrt. Sie ist ganz anders als wir erwarten würden, gar nicht majestätisch. Stattdessen handelt es sich um uralte Fragmente, die eher wie zerbrochene Kekse aussehen. Auch die Knochen des Bären befinden sich in dem Archiv – eingepackt in einen Kasten, darunter der braun gefärbte Schädel. Der Schädel lag in der Höhle und was befand sich in ihm? Bärengeist, Bärenerinnerung – als der Herbst kam und es in den Nächten zu frieren begann, erinnerte er sich an den Eingang der Höhle, so tappte er über den Gletscher.
Auch die Überreste anderer Wesen aus den Höhlen befinden sich im Archiv – eines Luchses, zum Beispiel. Sogar die winzigen Knochen von Lemmingen, in einer alten Cadbury’s Metalldose aufbewahrt für die Nation.
Die Welt erwärmt sich. Der letzte Winter war der nasseste; kaum Schnee oder Eis, das Strahlen eines blauen Himmels war so selten wie ein Komet, die Nächte sternenlos und tränenreich. Die Nachrichten im Fernsehen zeigten Fluten und Sandsäcke und weinende Hausbesitzer, die das durchweichte Durcheinander aufräumten. Es gab Auseinandersetzungen über Raumnutzung, Überschwemmungsgebiete, Abholzung. Kommentatoren intonierten: „Ist dies der Klimawandel?“
Naja, dachtest du säuerlich, wenn‘s wie eine Ente watschelt und wie eine Ente schnattert, wird es wohl eine Ente sein.
D’où venons-nous? Que sommes-nous? Oú allons-nous?
Du fragst dich an deinem Höhleneingang, ob das Eis je zurückkehren wird, wie in einem natürlichen Kreislauf, oder ob wir zu weit gegangen sind mit unserem Anthropozän. Aber wer kann das beantworten? Wir können das Ausmaß der Folgen unserer Spezies nicht wirklich erfassen. Aber den einzelnen Felsstein, der herunterfällt und unser Gehirn zertrümmern könnte – den verstehen wir.
Jetzt lässt der Regen nach, und ein kleiner schmuddelig aussehender Terrier erscheint an der Mündung der Höhle. Nach dem Hund kommen Kinder. Ihre Stimmen hallen den Abhang herunter: Daddy! Schau! Die Höhlen
Zweites Kapitel
Eine Spiegelung
In einem Zug auf dem Weg nach Norden. Wir hatten den Firth of Tay überquert und in der Hafenstadt Dundee Halt gemacht, wo das Schiff, das Scott in die Antarktis gebracht hatte, vor Anker lag, und wo Bohrinseln repariert werden. Jetzt fuhren wir draußen in der Angus Countryside. Im Osten, auf der rechten Seite, befand sich die Nordsee, ich aber saß auf der dem Land zugewandten Seite, wo der Blick auf winterliche Felder fiel.
Das Meer auf der einen, Felder auf der anderen Seite. Ich träumte vor mich hin, wachte aber auf um festzustellen, dass in meinem Fenster eine glitzernde Meeresfläche erschienen war, die sich über die Felder aus brauner Erde legte. Dann verschwand sie wieder. Einen Augenblick später tauchte sie wieder auf, eine Spannbreite Meer, silbrig über dem Land, aber nur ein paar Sekunden lang. Inzwischen hatte ich mich aufgesetzt, ich interessierte mich für dieses Phänomen. Die Felder auf der linken Seite gaben den Blick auf Kiefernwälder frei, der Zug neigte sich etwas und ja, die Spiegelung des Meeres blitzte wieder auf, dieses Mal über den Bäumen.
Wenn ich meine Augen zusammenkniff, konnte ich gleichzeitig das Meer und die Bäume sehen. Und jetzt war da ein Schiff! Ein geisterhafter Tanker segelte über die Kiefern.
Da gab es doch eine alte Ballade, oder? ,The False Bride‘. ‚Wie viele Erdbeeren wachsen im salzigen Meer? Wie viele Schiffe segeln im Wald?‘
Eine Frau in der Nähe sprach in ihr Handy, laut und immer lauter. „Es ist einfach so dumm. Ich habe ihr schon drei Mal gemailt. Sie werden einfach müssen.“
Ich sah die Spiegelung des Meeres auftauchen und wieder verschwinden, bis der Zug in eine Senke fuhr. Als wir daraus wieder hervorkamen, war das Meer weg. Rechts befanden sich Felder, zu meiner Linken lagen die weit entfernten Grampian Mountains mit einem Überzug aus frischem Schnee.
„Ich hab’s ihr gesagt! Ja, genau! Ich hab’s ihr gesagt!“ Die Frau telefonierte immer noch. Ihre Mitreisenden blickten sich an und verdrehten die Augen.
Da war wieder ‚The False Bride‘, aber das Schiff im Himmel hatte in meinem Geist etwas anderes erscheinen lassen: einen von William Scoresby geschriebenen Bericht. Scoresby war Walfangkapitän und Sohn eines Walfangkapitäns. Er war mit seinem Vater jeden Sommer nach Norden gesegelt, seit er zwölf war, und im Alter von nur einundzwanzig Jahren hatte er das Kommando seines eigenen Schiffes, der Baffin, übernommen. Aber das Schlachten von Walen war eine lästige Pflicht; Scoresby war eher an Wissenschaft und Entdeckungen interessiert. Als er 1822 nach Norden segelte, erstellte er Karten und machte Beobachtungen und verfasste detaillierte Beschreibungen der merkwürdigen arktischen Phänomene, denen er vor den Ostküsten Grönlands begegnet war. Er schrieb über Schneeflocken, Brechungen, Regenbogen und Wunder.
An einem Julitag, einem ganz besonders schönen, als leichte Winde wehten und die Atmosphäre das Licht brach, wurden Scoresby und seine Mannschaft Zeuge eines Wunders: Zwei Schiffe tauchten auf und segelten kopfüber am Himmel. Er erkannte die Schiffe und wusste, dass sie mindestens 160 Kilometer außer Sichtweite vor Anker lagen. Vierzehn Tage später passierte dasselbe: Im kristallinen Licht eines arktischen Sommerabends erschien das Bild eines Schiffes am Himmel. Es war umgedreht, aber so klar umrissen, dass er jedes einzelne Segel ausmachen konnte. Er verkündete, es sei die Fame, das Gefährt seines Vaters, das in diesem Augenblick weit jenseits des Horizonts vor Anker lag. Und so war es auch.
(Original S. 1-9)
Übersetzer·innenverzeichnis: Dörte Eliass
