Jolka

Auf Tschechisch erschienen bei Dybbuk, 2022.
256 Seiten, ISBN: 978-8-076-90004-2
Deutschsprachige Rechte frei (Mai 2026)
Rechteinhaberin: Jana Guljuškina

Autor·in: Jana Guljuškina
Genre: Roman
Vorgestellt von: Julia Miesenböck

Inhalt

Die Schriftstellerin Jana Guljuškina widmet sich in Jolka wie auch in ihrem 2023 erschienenen zweiten Roman Paní S. (dt. Frau S.) der Konfrontation der russischen mit der mitteleuropäischen Welt. Der Roman Jolka erzählt eine Geschichte der Identitätssuche einer jungen Frau in der Fremde und berichtet dabei auch von kulturellen und gesellschaftlichen Besonderheiten im Russland der späten 2000er-Jahre.

Jolana, die Hauptfigur, ist eine junge Tschechin, die Russistik studiert und sich für die russische Literatur, insbesondere für Dostojewski, interessiert. Sie begibt sich auf einen heiß ersehnten einjährigen Studienaufenthalt nach St. Petersburg, in der Hoffnung, dort das Geheimnis von Dostojewskis Romanen zu ergründen, die russische Seele kennenzulernen und nicht zuletzt ihrer eigenen Vergangenheit zu entfliehen.

Im Mittelpunkt des Romans steht vor allem die Begegnung der jungen Frau mit einer anderen Kultur – in St. Petersburg erlebt Jolana nicht nur viele Missverständnisse, ihre Erfahrungen ähneln dem, was gängig als Kulturschock bezeichnet wird. Sie hat Mühe, sich zu verständigen, da sie die Sprache nicht perfekt beherrscht. Die russischen Studierenden haben Probleme, ihren Namen auszusprechen, und sie wird von allen nur noch Jolka („Tanne, Weihnachtsbaum“) genannt. Die erhoffte Tiefe und Spiritualität, die Jolka in Russland zu finden hoffte, bleibt aus – sie trifft auf eine Realität, die von Bürokratie und anonymen Großstadtstrukturen geprägt ist. So bringt der Roman dem Lesepublikum die russische Gesellschaft und Welt um das Jahr 2008 näher. Zwar erlebt Jolka die Kluft zwischen Erwartung und Erfahrung zunächst als Kulturschock, mit der Zeit beginnt sie jedoch, sich sowohl mit der frostigen Umgebung von St. Petersburg als auch mit einigen jungen Menschen anzufreunden. Und es stellt sich heraus, dass sie weniger der Wunsch, ein fremdes Land zu entdecken, als vielmehr ihre düstere Vergangenheit mit mehreren zerbrochenen Beziehungen und die Suche nach der eigenen Identität nach Russland getrieben hat.

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Autorin

Jana Guljuškina, geboren 1984 in Hořovice (Mittelböhmen), studierte Russistik an der Karlsuniversität Prag und an der Masaryk-Universität in Brünn. Sie forscht zu russischer Gegenwartsliteratur und arbeitet als Übersetzerin aus dem Russischen. Bei Dybbuk in Prag erschienen bisher zwei Romane: Jolka (2022) und Paní S. (2023). Im Herbst 2026 wird ihr dritter Roman bei Odeon, Prag, publiziert.

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Rezeption und Gründe für die Übersetzung

Guljuškinas Werk wurde von der tschechischen Literaturkritik durchwegs positiv aufgenommen. Das Debut Jolka erhielt positive Kritiken, Guljuškina wurde beispielsweise als „Entdeckung des Jahres“ (Jakub Šofra, Reflex, 8. 9. 2022) gefeiert, Kateřina Středová äußert sich ähnlich lobenswert: „Insgesamt hat die Autorin ein Buch geschaffen, das einen trotz einiger Abschweifungen in den Sog zieht und das man nur schwer aus der Hand legen kann.“ (iLiteratura, 10. 8. 2022), und beschreibt den Roman ungeachtet – oder auch gerade wegen – der heutigen problematischen Rolle Russlands als lesenswert. Ein öffentliches Interesse für die Autorin und ihr Werk bestätigen zahlreiche Interviews im Tschechischen Rundfunk sowie in tschechischen Printmedien. Guljuškinas zweiter Roman Paní S. wurde vom tschechischen Literaturzentrum CzechLit als eines der besten neuen tschechischen Bücher des Jahres 2024 ausgewählt und zur Übersetzung vorgeschlagen.

Trotz seiner gesellschaftlichen Aktualität wurde das Werk von Jana Guljuškina bisher in keine Fremdsprache übersetzt, was ich nun ändern möchte. Durch die Schilderung der russischen Welt aus der Perspektive einer Mitteleuropäerin sehe ich auch Potential, dass Guljuškinas Werk beim Lesepublikum auf Interesse stößt.

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Übersetzungsprobe aus dem Tschechischen von ©Julia Miesenböck

Jana Guljuškina: Jolka

Es ist kurz vor Mitternacht. Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht stehe ich auf dem zweiten Bahnsteig des Prager Hauptbahnhofs. Ich freue mich, ich kann gar nicht anders. Auf dem Bahnsteig neben uns werden betrunkene Fußballfans durch einen Kordon aus Polizisten abgeschirmt. Meine Schwester hat Angst, verabschiedet sich hastig, winkt mir zu und verschwindet. Ich finde diese Typen lustig, wie Figuren aus einem Computerspiel, wie Stoffpuppen, die jemand von hier nach da verschiebt. Figuren mit vorhersehbaren und klar definierten Rollen. Auch ich habe bis jetzt eine Rolle gespielt, und sie gehasst, mir war angst und bange, diese Rolle hat mich eingeschränkt und mir ein Kostüm aufgezwungen. Jetzt aber reiße ich dieses Kostüm in Streifen, ich strahle und werde nicht aufhören zu strahlen, zu lächeln, in meiner Jackentasche habe ich nämlich den Pass mit dem Visum und eine Fahrkarte, die mich aus dieser Welt herausholen wird, ich bin frei, was war, ist vorbei, obwohl ich immer noch auf dem zweiten Bahnsteig des Prager Hauptbahnhofs stehe. Von nun an werde nur noch ich selbst über mein Leben entscheiden.

Drei schmale Liegen, dicht übereinander, auf der oberen und der unteren je eine junge Frau aus Belarus und dazwischen ich. Die zwei finden es sehr lustig, als ich in gebrochenem Russisch erzähle, dass ich nach Petersburg fahre, um Literatur zu studieren. Damit erschöpft sich mein Wortschatz auch schon, aber noch reicht mir das. Ich lerne von Neuem zu sprechen, zu denken, zu fühlen. Zu leben.

Um vier Uhr früh die erste Grenze, dann lange nichts, nur Müdigkeit. Ich schlafe bis halb elf, frühstücke im Sitzen, aber die fremde Landschaft wiegt mich wieder in den Schlaf. In Brest stehen wir gute zwei Stunden im Bahnhof, die Radsätze unseres Zugs werden ausgetauscht, weil die Gleise eine andere Breite haben. Ich lasse mein Gepäck im Zug und vertrete mir die Füße. Auf dem Bahnhofsgebäude leuchten Hammer und Sichel, und ich sehe eine dunkle Vogelschar vom fünfzackigen roten Stern auffliegen. Schweigend sehe ich mich um, dann fragt mich Kristýna aus Belarus lachend: Was hast du? Ach, nichts, alles gut, ich bin nur zum ersten Mal außerhalb von Europa. Aber Belarus ist Europa, entgegnet sie.

In Minsk regnet es. Die Lampe vor unserem Fenster zeigt uns einen leeren Bahnsteig. Danach gibt es keinen Halt mehr. Keine weitere Grenze. Nur mein Telefonanbieter meldet mir: Willkommen in Russland. Es ist 03:16 Uhr …

Ich habe keine Unterkunft organisiert. Was habe ich mir dabei gedacht? Dass ich mit meinem bisschen Russisch einfach zur Uni fahre und alles erledige? Wo ist die überhaupt? Meine Freude war so groß, so stark, dass die Zweifel keine Chance hatten. Und jetzt steige ich aus dem Zug, und meine zwei Taschen sind auf einmal viel zu schwer. Wie soll ich sie tragen, und wohin? Unten an der Treppe wartet jemand mit einem Schild, auf dem mein Name steht. Wie schön! Alles ist ganz einfach: Der junge Mann nimmt eine meiner Taschen und begleitet mich zur Metro, wirft einen Jeton in den dafür vorgesehenen Schlitz, und durchs Drehkreuz komme ich auf eine ungewöhnlich lange Rolltreppe.

Die Metro-Station Puschkinskaja strahlt, alles sieht aus wie ein Ballsaal, in dem gleich eine Tanzveranstaltung beginnt. In der Dostojewskaja dagegen sorgt gedämpftes, silbernes Licht aus Messinglaternen für eine eigenartige Atmosphäre der Beklommenheit oder Tiefe …

Die Stadt ist voller Kreuzungen, Wind und Kälte, hin und wieder schaut auch mal die Sonne zwischen den Wolken heraus. Von außen sieht die Universität prunkvoll aus, aber das Innere ist heruntergekommen, die Linoleum-Böden in den Gängen sind total abgenutzt. In der Abteilung für ausländische Studierende steht ein Schwarm Chinesinnen und Chinesen vor dem Schalter. Irgendwann komme ich dran und höre nur: Ihr Aufenthalt ist noch nicht genehmigt. Kommen Sie morgen oder in einer Woche. Verstehe ich nicht. Dann also morgen … Ich übernachte bei der Familie des Dozenten, dessen Sohn mich vom Bahnhof abgeholt hat. Natascha aus Prag hatte nämlich angerufen und sie gebeten, sich um mich zu kümmern, sie kannte die Nummer meines Zugs und Waggons, denn sie war auch kurz am Bahnhof, um sich von mir zu verabschieden. Wir trinken Tee, starken schwarzen Tee aus einer Porzellankanne. Ich biete ihnen tschechische Schokolade an, Natascha hat sie mir auf dem Bahnhof zugesteckt. Sie ist für alles verantwortlich. Dafür, dass ich hier bin. Ich muss an ihre Worte denken: Petersburg hat viele große Nachteile, aber auch Vorteile, es zahlt sich aus, da hinzufahren.

Ich werde dezent zurechtgewiesen, Vornamen und Vatersnamen zu verwenden: „Merken Sie sich, das ist nicht Herr Sacharow, sondern Wiktor Pawlowitsch, und ich bin Walentina Andrejewna. Sie haben das offenbar vergessen …“ Ich wiederhole in Gedanken, und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher. Wiktoria Pawlowna, oder wie war das?

Eine dunkle, grüne Treppe führt in die Wohnung des Dozenten im dritten Stock. In den Zwischengeschossen hängen Spinnweben und Glühbirnen ohne Lampenschirm, in den Ecken liegen alte Zeitungen, Abfälle und Staub. Aber draußen sind elegante Restaurants, Boutiquen, Leuchtreklamen, und die Wassiljewski-Insel ist in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Ich stelle mir einen Wecker und stehe um halb neun auf. Die Frau des Dozenten fragt überrascht, warum denn so früh. Und ich muss überrascht nachdenken, zu Hause ist es ja erst halb sieben, aber wozu soll ich denn noch schlafen? Ich will hier alles sehen und überall hingehen.

In der Wohnung hängen Ikonen, Bilder von Puschkin und von der Prager Burg, und in jedem Raum stehen Bücherregale, die bis an die Decke reichen. Bücher, überall Bücher, wo ich auch hinsehe, ich rühre sie nicht an, nehme sie nur wahr, diese seltsame Welt, diese seltsame Täuschung. Täuschend seltsame Welten, diese Bücher …

Heute kommt Adam am Flughafen an und ich fahre ihm entgegen. Eliška kommt dann Ende dieser Woche. Ich habe die beiden nur ein paar Mal gesehen, als wir die nötigen Dokumente beantragt haben. Wir wurden für zwei einjährige Stipendien ausgewählt und die beiden teilen sich ein Jahr. Außer uns wollte gar niemand fahren, daher ging das. Dieses Desinteresse verstehe ich nicht.

Adam trägt einen Anzug, den wollte er nicht in den Koffer legen, um ihn nicht zu zerknittern. Adam ist ein Jahr jünger als ich, schlank und groß. So groß, dass er gar nicht mehr aus dem Fenster sieht, wenn er in der Straßenbahn steht. Er hat nur einen Koffer dabei, sonst nichts. Ich sage ihm, dass wir auf dem Bolschoi-Prospekt auf der Petrograder Insel wohnen, und er meint, das sei ja super, da sind alle interessanten Sachen in der Nähe. Wir lassen seinen Koffer in der Wohnung und fahren an die Uni, um uns vor der Abteilung für internationale Kooperation anzustellen. Mit Adams perfektem Russisch ist plötzlich alles viel einfacher. Aber man sagt uns trotzdem: morgen, kommen Sie morgen.

Warum habe ich eigentlich nicht im Voraus etwas über diese Stadt recherchiert? Wollte ich alles erst vor Ort aufnehmen? Vermutlich habe ich in einer Art Illusion gelebt und mir gedacht, dass ich die Stadt doch schon aus der russischen Literatur kenne. Aber ich hatte keine Ahnung.

Sankt Petersburg wird von der Newa geteilt. Sie ist mehr als einen Kilometer breit. Im Newa-Delta liegt die Wassiljewski-Insel, eingekeilt zwischen zwei Stadtteile, einer davon ist die Petrograder Insel. Nachts werden alle Brücken hochgezogen, um die Schiffe durchzulassen. Die Metro tief unter dem Fluss fährt nach Mitternacht nicht mehr, und so werden aus einer Stadt zwei Städte, oder eigentlich drei, jedenfalls ist die Wassiljewski-Insel, knapp elf Quadratkilometer groß, in dem Moment nicht mehr mit dem Rest der Stadt verbunden.

Die Fakultät steht direkt am Kai der Wassiljewski-Insel, von hier aus sieht man die Admiralität und die Eremitage am gegenüberliegenden Ufer. In der Nähe der Fakultät stehen Gebäude, die antiken Tempeln gleichen, und zwei riesige rote Säulen, deren Namen ich nicht korrekt aussprechen, geschweige denn mir merken kann: Rostralnyye kolonny. Columnae rostratae. Rostra-Säulen. Ganz oben flackerte dort im 19. Jahrhundert ein Feuer, damit die Schiffe ihren Weg fanden, mittlerweile kann man das nur mehr bei Paraden sehen. Und gerade heute findet hier eine Hochzeit statt. Im Laufe der darauffolgenden Tage erfahre ich, dass die Hochzeitspaare meist nicht allein sind. In der Regel gibt es gleich zwei oder sogar drei Brautpaare. Und Limousinen, Champagner, weiße Turteltauben, und die Hochzeitsgäste rufen „gorko!“, bitter, die Welt ist bitter, man soll sie mit einem Kuss süßen. Fotos machen, posieren, gorko, gorko, gorko!

Wir spazieren den ganzen Tag am linken Ufer der Newa herum. Der hohe, steinerne Kai, dann ein enger, grauer Gehweg, und eine breite Straße mit unendlichen Autokolonnen in beide Richtungen. Hier ist alles ganz anders als das viel grünere Prag mit seinen engen, verwinkelten Gässchen und der Burg als Dominante, Prag, das über die Jahrhunderte gewachsen ist. Hier ist alles wie mit dem Lineal gemessen, nicht nur die unendlich langen, geraden Straßen, auch die Häuser, die nicht höher sein dürfen als die Turmspitze der Peter-und-Paul-Kathedrale, die in der Festungsanlage steht. Eine Stadt, die nach den Ideen eines verrückten Zaren in einer unbewohnten Sumpflandschaft und auf den Skeletten von tausenden Menschen errichtet wurde, um dessen Traum von einem „Fenster nach Europa“ zu verwirklichen. Eine Stadt, die in so vielen literarischen Werken als Kulisse diente, in der Raskolnikow mordete und Der eherne Reiter zum Leben erwachte, Kowaljow beim Erwachen feststellen musste, dass ihm die Nase fehlte, und der Maler Piskarjow einer dunkelhaarigen Frau über den Newski-Prospekt folgte, herausfand, dass sie eine Prostituierte war, und sich die Kehle durchschnitt …

(Original S. 9-13)

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Übersetzer·innenverzeichnis: Julia Miesenböck

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