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Projektbeschreibung
Mit diesem Lyrikband schenkt uns Marco Pelliccioli in seinem lebendigen und konkreten Stil ein breitgefächertes Bild aus Figuren und Situationen, in denen eine mitunter weit zurückliegende Vergangenheit sich diffizil mit der veränderten Wirklichkeit des Heute konfrontiert.
Die lyrische Erzählung wird dabei einer Stimme aus dem Off anvertraut, die oftmals kleine, bescheidene Figuren aus der Erinnerung hervorholt. In einem Wechsel aus Poesie und poetischer Prosa oszilliert Marco Pelliccioli zwischen horizontaler und vertikaler Dimension: Da sind Haushaltsgeräte und Amulette, Details aus dem Alltagsleben, Geburt und Tod, Anwesendes und Verschwundenes, Pflanzen und kleine Tiere. Da sind die Angiolina, die Agnese, die Nunzia oder die Martina, und mit ihnen auch der Alberto und der Krüppel, ihre „lose Epik“, in einer Zeit, die „sich nicht fügt und nicht vergeht“. Eine Zeit, die auch eine historische Zeit ist, mit Verweisen auf die großen Ereignisse der Geschichte, die den Hintergrund für alltägliche Geschichten bilden. Ebenso wie eine zunehmend von den neuen Technologien beherrschte Gegenwart.
Der Gedichtband ist durchkomponiert gleich einem Poem, reich an internen Verweisen und Bezügen und spielt mit verschiedensten Registern und Stilen.
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Zum Autor
Marco Pelliccioli wurde 1982 in Bergamo (Italien) geboren und lebt in Mailand und Monza.
Bisher sind von ihm erschienen: Nel concerto del tempo [D: Im Konzert der Zeit] (Mondadori 2024), C’è Nunzia in cortile [D: Da ist Nunzia im Hof] (LietoColle, 2014), L’orfano [D: Der Waise] (LietoColle-Pordenonelegge, 2016), L’inganno della superficie [D: Der Trug der Oberfläche] (Stampa2009, 2019) und das Heft Il sogno del pesce gatto [D: Der Traum des Welses] (Stampa 2009, 2023). 2015 ist der Roman A due passi dal treno [D: Einen Steinwurf vom Zug] (Ed. Eclissi) erschienen, nominiert für den prestigereichen Literaturpreis „Premio Calvino“. Er schreibt Erzählungen für Kinder (Gallucci, Einaudi, Sanoma) und ist in der Anthologie Giovane poesia italiana [D: Junge italienische Lyrik] vertreten (Pordenonelegge 2020), die ins Englische, Französische, Spanische und Deutsche übersetzt worden ist. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und von der Kritik begeistert aufgenommen.
Marco Pelliccioli ist Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Zeitschriften, für die er Rezensionen und Artikel zu den führenden Dichtern und Dichterinnen des 20. Jahrhunderts schreibt. Zudem ist er Kurator mehrerer Kulturinitiativen in Mailand, wie etwa des jährlichen Wettbewerbs „Nationale und internationale Lyrik vom 20. Jahrhundert bis heute“ für das Theater „Fontana“ und der Veranstaltungsreihe „Neue Fragen der Poesie“ für das Kulturhaus. Weiters ist er organisatorischer Leiter des Lyrikhauses in Mailand.
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Übersetzungsprobe aus dem Italienischen von © Julia Dengg
Marco Pelliccioli: Im Konzert der Zeit
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9. November 1989
Es ist ein Novemberabend
wie viele, meine Mutter
putzt die Küche, die Angiolina
flickt noch einen Fetzen
mein Vater greift müde
zur Fernbedienung und ruft:
______„Leise!“
Er wirkt freudig. Durchs Jucken an der Wade
drängen die großen Augen, der Mund
offen, der Wasserhahn
zu und die Nadel
ohne Fingerhut oder Faden:
______„Die Mauer ist gefallen!“
Zwischen den Scherben, die uns die Nachrichten
ins Haus gebracht haben, bewegen wir uns
unsicher, nun, ohne
Grenzen, sind
______eine einzige Materie.
26. November 2010
Ich denke an sie, die Angiolina
die krummen Hände in den meinen
der Atem kurz, wie sie versinkt
in die Untiefen und vergeblich versucht
sich ans Boot zu klammern
______doch das Boot
ist ein Krankenhausbett
ohne Infusionen oder Nadeln
in den Adern.
In der Stunde des Sterbens
bin ich der letzte Blick
sie die Hände krumm
wohin die wohl gehen
frag ich mich, mit Würde
glaub ich, und wenn ich weine
dann nur aus Liebe, um die Tür
zum Obstgarten zu öffnen
das Fruchtfleisch des Apfels
______den du noch riebst.
____________(weit weg aber nahe
____________von Mariupol wurde Serhij geboren
____________im dunklen Schatten
________________________des Kreml)
Alberto
Den Kirchturm hinauf, im Gegenlicht
die Öfen noch geheizt, die Decken
geflickt, der Friseur, der sich in die Hände
haucht
steigt bei Sonnenuntergang
der Staub von Alberto
auf dem Kirchhof, sie sagen
er hat aus Hunger wen umgebracht
gehüllt in Wolle, die ihn im Gesicht kratzt
______riesige Hände
der kleine Finger amputiert.
„Fertig, die Supp’n!“
rufen sie vom Hilfswerk
und bei jedem Glockenschlag versinkt
ein Schritt im Pflaster
während vom Gegenlicht verschluckt
sein massakrierter Schatten
______uns ruft.
Der Krüppel
Im Sattel seines roten Dreirads
strampelte er gegen den Sturm an
eingemummt in eine Windjacke
die krummen Beine
______auf den Pedalen.
Wer aus dem Fenster sah, verstand
seine einsame Fahrt nicht
aber der Regen prasselte
verdunstete auf seinem Gesicht
der er nicht seinem Schmerz davonfuhr
sondern mit Liebe ein Loblied aufs Leben
die Straße hinaufschrieb.
Nunzia
Da ist Nunzia im Hof
mit rissigen Händen
den Stock an die Mauer gelehnt, das Wasser
______in die Hortensien gegossen.
Als wären sie Erde
ihre geflickten Falten:
geflüsterte
Rosenknospen, am Brunnen
______leuchtende Anmut.
Der Fensterladen
Er schraubte das Schild
ins Grün
______band es fest
mit einer Schnur.
Da tünchten die Wolken
______alles ins Weiß
die Haken, das Holz, meinen Vater
mit dem Werkzeug
der im Fenster stand, an den Himmel gestützt.
I
Der Mann an der Tür bläst das Mehl von seiner Schürze, er kennt keine „Early Adopters“, „Dashboards“, Validierungsprozesse. Seine Rechnungen sehen kein „Kappa“ und keine „Buyer Persona“ vor. Er will nur sein Brot verkaufen, ist ganz verwirrt ob des Plans zur Wiederbelebung des Unternehmenserfolgs, den ihm dieser Gallert-Mensch vorlegt, ungepflegt und doch alles von Marke: über die Knöchel aufgerollte Hosenbeine, Kopfhörer, Halogenlampen im Atem.
(Original S. 2-8)
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Übersetzer·innenverzeichnis: Julia Dengg
